Durch die Mangel gedreht – der Fall Kachelmann

Es geht uns nichts an, wer mit wem im Bett liegtDer Fall Kachelmann hat mich wirklich beschäftigt. Aus mehreren Gründen: es ist ungewöhnlich, wenn ein Prominenter mit so einer Vergewaltigungs-Geschichte vor Gericht gezerrt wird. Vor allem einer, dessen Image so freundlich und harmlos war. Und weil es interessant war, die öffentliche Meinung zu beobachten (in der angenehmen Position des Betrachters von aussen), die sich in Nullkommanix auf Seiten des „Opfers“ schlug, nur um sich dann, als rauskam, dass die Vergewaltigungsvorwürfe so nicht zu halten waren, schnell auf Kachelmanns-Seite sprangen. Die Geschichte ist ein Lehrstück, wie Journalismus nicht sein soll, ja, nicht sein darf. Mit vorschnellen Rollenverteilungen, Schuldzuweisungen, die auf nix basierten als unbewiesenen Behauptungen. Es war auch zu verführerisch: So viele Komponenten der Geschichte muten an wie Teile eines Drehbuchs, das alles hat, was eine gute Story ausmacht. Es geht um Liebe, um Eifersucht und Sex, es geht um Ehre und Lügen. Es hat prominente Protagonisten, ein Gutteil Schmuddel, der genüßlich ausgeschlachtet wurde. Und die Geschichte zeigt die Folgen, wenn man als Prominenter plötzlich die richtg fiese Seite des Boulevardjournalismus kennenlernt. Ich möchte nicht in die Fänge der Bild geraten, wenn die einen auf dem Kieker hat. Ich glaube, das ist unfassbar heftig.

Tom Wolfe hat schon einmal ein Buch, Fegefeuer der Eitelkeiten, geschrieben, wo es prinzipiell um genau das gleiche Thema geht. Ein schnöseliger Investmentbanker nimmt beim Schäferstündchen mit seiner Geliebten die falsche Abfahrt in New York, landet im falschen Viertel und überfährt einen Schwarzen, der ihn überfallen will. Und begeht Fahrerflucht. Dieser zweifellos häßliche Vorgang wird schnell noch häßlicher, als er in die Öffentlichkeit gerät und jeder – vom schmierigen Journalisten bis zum frustrierten Staatsanwalt, von der Geliebten bis zur Familie des Opfers versucht, sich mit dieser Story irgendwie zu profilieren. Um die Wahrheitsfindung geht es schnell keinem mehr. Weil die Wahrheit einfach nicht mehr ins Konzept gepasst hätte, ins Drehbuch, dass man sich zurechtgelegt hatte und in dem die Rollen von Gut und Böse, von fiesem Typ und armem Opfer klar verteilt waren.

Genau das war auch bei Jörg Kachelmann der Fall. Da war die Rollenverteilung von anfang an klar. Oder? Es geht uns nichts an, ob er mit einer oder 100 Frauen Sex hatte, wen er liebte oder nicht –  wer noch nie in Betrug oder Dreiecks- oder Vierecks- oder Sonstwievielecks-Geschichten verwickelt war, der werfe den ersten Stein. Wir alle wissen, dass gerade in Beziehungen die subjektive Sicht schwer fällt und die Frage nach Wahrheit und Lüge, nach Betrug und Treue sehr stark von der individuellen Sicht der Beteiligten abhängt.

Sich in so ein Geflecht einzumischen, vorzuverurteilen, vorschnell die Rollen von Gut und Böse zu verteilen, ist grob fahrlässig. Das ist schon im Privaten schwer und als Zeitung, egal wie boulvardesk sie ist, darf man das nicht tun. Man darf es einfach nicht. Wenn so ein Fall vor Gericht geht, wie es bei Kachelmann der Fall war, tut man gut daran, erst einmal die Klappe zu halten und abzuwarten. Deswegen ist das Schmerzensgeld berechtigt und meines Erachtens sogar zu niedig angesetzt. Weil eine komplette Existenz ausradiert wurde. Aber hier haben sich die die Frauenrechtler und Männerrechtler beharkt, die ihren Konflikt austrugen, ohne zu bedenken, dass da auch menschliche Schicksale dranhängen. Die Boulevardmedien hatten allesamt ein Thema zum Festbeissen und die Story auf Teufel komm raus am Kochen gehalten. Ein Lehrstück, wie Journalismus nicht funktioren darf.

Ich war selbst Boulevard-Journalistin und rede mich gerne auf die Harmlosigkeit meiner Themenseiten raus (Musik und Mode). Aber auch ich war schuldig an Schicksalsstories, ich habe mich beim Witwenschütteln beteiligt und erst als ich auf der anderen, der „Opferseite“ gelandet bin, hab ich kapiert, was man da Leuten eigentlich antut. Es war keine schöne Erfahrung. Es gibt viele Redakteure der Bild, die ich kenne und sehr schätze. Vor allem bei den Regionalausgaben. Auch hier ist die Welt nicht so schwarz und weiß, wie manche sie gerne hätten. Ich würde mir wünschen, wir würden wieder mehr Grau sehen als Schwarz und Weiß – oder ganz einfach aufhören, vorschnell zu verurteilen.