Sauschlau und feuerfest – Jahrmarktsattraktionen von einst

Sauschlau-und-Feuerfest-Menschen-Tiere-Sensationen-des-Showbusiness_62740Jetzt ist ja wieder Oktoberfest und das erinnert mich immer an ein Buch, das ich mal von meinem Vater geschenkt bekam, der es wiederum als Rezensionsexemplar bekommen hatte. „Sauschlau und Feuerfest“ heißt es, es geht um Jahrmarktskünstler und Varieteattraktionen vergangener Jahrhunderte, von dressierten Schweinen bis zum weltberühmten Houdini werden in dem Buch all die vorgestellt, die in früheren Zeiten die Leute begeisterten, sprachlos liessen und zugleich faszinierten und abstiessen. (Heutzutage haben wir TV-Datingshows dafür.) Der Autor Ricky Jay ist selbst Zauberer und mittlerweile ein gefragter Kenner der einstigen Sensationen. Wenn es um Zauber- oder Kartentricks geht, fragt man ihn. Bei Oceans 13 arbeitete er als Berater mit.

hamburger-zwerg-k-nstler-theater-dir.-rudolf-gl-ssnerEs immer ein Hauch Wehmut dabei, mir tun die Attraktionen von damals leid, aber ich glaube, dass viele Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt in den Buden und Varietes verdienten, so eine Art Würde behielten, weil sie sich selbst versorgen konnten. So wie Männer und Frauen ohne Arme oder Beine, die dennoch malen, Instrumente spielen oder andere Tricks vollführen konnten. Aber es ist eben doch ein Menschenzoo gewesen. Auch die „Zwerge“, wie man sie früher nannte. Diese Zeit liegt übrigens weit weniger lange zurück als man denkt. Bis in die 90er Jahre hinein hat man diese kleinwüchsigen Menschen in einem Park in Hassloch zur Schau gestellt, was ein unfassbar zu Herzen gehender Bericht im süddeutschen Magazin zeigte. Eine rührende Bildergalerie findet man hier. Ganz zu schweigen von den Völkerschauen, bei denen Menschen anderer Hautfarbe eigepfercht hinter Zäunen ihre Exotik demonstrieren mussten. Diese negativen Aspekte werden bei „Sauschlau und feuerfest“ nicht ausgeklammert.

kingcardIn dem Buch werden auch andere Artisten und ihre Geschichten und Tricks vorgestellt. Leute, die auf einer Kugel balancierend eine Spirale rauflaufen konnten, Kunstschützen, Kunstreiter, Zauberer, Gedankenleser, Starke Männer und auch der große Houdini kommt vor, der berühmteste Entfesslungskünstler der damaligen Welt. Eine besondere Attraktion war damals ein gewisser Herr Pujole, der als „Kunstfurzer“ auftrat und der seinem Hinterteil Melodien entlocken konnte. Der hätte jetzt auch als Supertalent im Fernsehen super Chancen.

Etwas harmlosere und appetittlichere Attraktionen konnte ich in den 90er Jahren im deutschen Theater in München bewundern, als Andre Heller noch einmal alte Variete-Größen wieder aufgespürt hatte und sie so der Vergessenheit entriss. Da waren Papierreisser, die aus Papierschnipseln Palmen und Blumensträuße wachsen liessen, da waren Musiker, die schon mit den Marx Brothers oder Josephine Baker aufgetreten waren (alle weit über 90 Jahre) – in dem Programm hab ich die zauberhafte Magie altmodischer Attaktionen verstanden. Dass es keine große Show und viel Getöse braucht, sondern Phantasie und viel Herz. Ich war dreimal in der Show, einmal hatte ich auch meine Mama dabei, die nicht leicht zu begeistern war.

22Ein bißchen von dem Zauber erlebt man bei Schichtl auf dem Oktoberfest. Allerdings gibt es dieses Jahr keine Trickhinrichtung, mit Hinblick auf den nahen Osten, wo bei den Hinrichtungen nicht mit Tricks gearbeitet wird. Oder die Wachsfiguren-Kabinetts sind Überbleibsel der alten Pantoptiken. Damals, als es Bild und Co nocht nicht gab, mussten die Menschen sich Prominente, Könige und Verbrecher als Wachsfiguren ansehen, um zu wissen, wie die aussahen. In der Eremitage in St. Petersburg gibt es immer noch eine lebensgroße Wachspuppe von Peter dem Großen zu bewundern, die die echten Haare des einstigen Monarchen trägt. Früher hatte der mechanische Puppenautomat einen Mechanismus und konnte aufstehen und sich wieder setzen.

Für mich ist das alles sehr faszinierend. Genauso wie das Puppentheater- und Schaustellermuseum im Stadtmuseum München. Diese Abteilung ist nicht sehr gut besucht, leider. Da stehen alte Zauberutensilien, alte Kostüme, Postkarten, Eintrittskarten, Wachsköpfe etc. Und jede Menge alte Puppen. Ich finde die alten Marionetten haben etwas sehr Makabares und sehr Morbides. Wer diese Austellung besucht, der weiß, warum Steven King einen Clown als das ultimativ Böse in „Es“ herumlaufen liess oder warum der Joker der furchteinflössendste Superschurke von allen ist.

 

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