Ich möchte keine Gefühlsverstärker, bitte!

So muss Romantik - und im Hintergrund juchzen Chöre und Geigen  Bild: SAT!
So muss Romantik – und im Hintergrund juchzen Chöre und Geigen Bild: SAT!

Geschmacksverstärker gelten in Foodkritischen Kreisen als nicht gut. Die haben in Lebensmitteln nix verloren. Denn damit schmeckt alles süßer, schärfer, tiefer, intensiver. Und es braucht immer mehr mehr davon, die Dosis muss erhöht werden, bis der normale Geschmack gar nicht mehr an kann dagegen, wenn jede noch so geile frischgekochte Brühe unbedingt Maggi reinbraucht, damit das Geschmackserlebnis stimmt. Irgendwann ist jeder auf Geschmacksverstärker süchtig und glaubt, nur wenn ganz viel davon drin ist, ist die Sache perfekt. Vor allem für die große Masse, denen es schon zu mühsam ist, Spaghetti Bolognese auszusprechen und die nur noch „Bolo“ sagen.

Musik ist der Gefühlsverstärker in den Medien. Bei den Privaten gibt es kein Programmfitzel mehr, das nicht mit mehr oder weniger passender Musik unterlegt ist. Bei Liebesschnulzen schrummern die Geigen, heulen die Frauenchöre und sanfte Stimmen hauchen „Stay with me“, während zwei Hände, in Goldglanz getaucht, sich gegenseitig in Slowmotion Ringe anstecken. Oder zwei relativ ungeschickte Bauern, die zu „Love is all around“ oder zu „The Power of Love“ ihre Leberwurst-Picknickkörbe verzehren. Da wird einem doch ganz warm ums Herz. Soll es auch. Hemmungslos wird mit unseren Gefühlen gespielt, wir werden manipuliert, sehen Romantik da, wo sonst nur Brache liegt. Nur wenn die Musik romantisch ist, wissen wir, dass auch echte Liebe im Spiel ist, oder?

Vorreiter sind da – wie sonst auch im Showgeschäft – die Amis. Ich brauche nur die Coca Cola Weihnachtswerbung „Make someone Happy“ ansehen, um zu wissen, wie der Hase läuft. Der absolute Gefühlsoverkill mit Chören, Schneeglitzer, Glitzerglitzer, glücklichen Kindern, schönen Eltern, nur, um ein paar Flaschen Brause zu verkaufen. Und Tchibo und Konsorten drehen kaum weniger auf. Die nächste Eskalationsstufe kann zünden. Ich warte jetzt, dass demnächst die 20 Uhr Nachrichten mit Musik unterlegt werden. Drohende Musik beim ISIS-Angriff, heitere Musik bei guten Nachrichten. Damit auch alles wirklich so richtig ans Herz geht.

Geht euch das auch so auf die Nerven?

4 comments

  1. Klasse Artikel. Seitdem ich aufs Fernsehen dieser oben dargestellten Art verzichte (erst zwangsweise, danach bewusst) und auch versuche ähnlich geartetes Radio zu umgehen, fühl ich mich mental einfach gesünder. Ich muss nicht ständig gegen diese Gefühls-Dauer-Stress ankämpfen. Kann genießen, was mich im Kino in Filmen, die wir uns ausgesucht haben gefällt, und muss nicht ständig eine Reizüberflutung ausblenden, die mich stresst und trotz des „ach so schönen Scheins“ geradezu anwidert.

    Da ich im Radio z.b. schon seit langem die andere Seite vom Mainstream vermisse, fällt es mir auch nicht schwer, dort Verzicht zu üben um Sendern wie Energy (das RTL des Radio ) zu entgehen, und mir mein Programm selbst zusammen zu stellen.

    Moni

    (da die mmmomentaufnahme ein geteilter Account von @emden09 und mir @mdarkbyte ist, mach ich mal kenntlich wessen Meinung hier vertreten ist^^)

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  2. Früher wurde in den entsprechenden Filmen immer gefidelt wie verrückt. Heute spielt ein Band einen ganzen Song – mit Musik kann man halt auch an den Dümmsten eine gewisse Botschaft transponieren.
    Dennoch finde ich das Gelächter aus dem Off der amerikanischen Soaps immernoch unerreicht, was die Nervigkeit anbelangt.
    LG
    Sabienes

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  3. Ein sehr philosophischer Text. Ich habe aber einen anderen Bezug zu Musik, als du. Ich sehe es nicht als Konsum, der den Wert des Momentes verringert. Viele Songs, die ich höre haben eine persönliche Bedeutung für mich und meinen letzten Podcast habe ich auch mit einem Song aus meiner Liste untermalt, was sehr gut ankam. Ich finde also, dass man das auf jeden Fall differenzierter betrachten sollte. Salz ist ja zB auch ein Geschmacksverstärker, ohne den das Essen aber nicht schmecken würde. http://mervykay.wordpress.com/2014/12/07/podcast-3-people-always-leave/

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