Wir waren doch schon mal weiter, oder?

B2EocPAIcAAb72iIch bin gerade entsetzt über die „Themenwoche Toleranz“ der ARD. Selten ist gut gemeint so unfassbar schlecht gemacht. Behinderung, andere Hautfarbe, Kinderfreudlichkeit, Schwulsein – müssen wir darüber noch diskutieren? Echt jetzt? Ihr macht mich sprachlos, liebe Programmmacher. Ist das euer Weltbild? Darüber müssen wir nicht mehr diskutieren. Schon gar nicht über Toleranz. Toleranz bedeutet, dass ich darüber vornehm hinwegsehe. Es geht vielmehr um Akzeptanz – verstehen und annehmen, dass es Menschen gibt, die anders sind, andere Bedürfnisse haben, aus anderen Kulturkreisen kommen. Das normal finden, nicht wert zu diskutieren, weil es einfach so ist.

Müssen wir im Jahr 2014 darüber diskutieren, ob jemand sich seine Sexualität aussuchen kann? Dass Behinderte überall inkludiert werden  und nicht behandelt werden dürfen wie Menschen zweiter Klasse? Dass Kinder auch mal laut sind? Allein der Slogan „Anders als du denkst“ unterstellt den Zuschauern, dass sie nicht nachdenken, dass die Begegnung mit Schwulen, Behinderten, anderen Hautfarben etc neue, bahnbrechende Erkenntnisse liefern könnten. Ja wieso denn? Besser: wieso denn nicht – aber brauchen wir eine ARD, die da extra drauf hinweist, um zu zeigen, naja, so ganz normal sind die doch nicht. Denn alles, zu dem man eine Sonderwoche machen muss, ist nunmal – besonders. Verdammt noch mal, warum dann nicht einfach machen? Automatisch alle Sendungen für Gehörlose untertiteln, Schwule in Soaps integrieren, Rollstuhlfahrer als Protagonisten – als Bösewicht im Tatort wäre das doch mal cool, oder? In meiner Jugend in den 80ern war das alles so kein Thema, das war normal – wann wurde der Trend eigentlich wieder umgedreht zu Intoleranz, Engstirnigkeit und Hass anderen gegenüber?

Danke übrigens, dass ihr nicht auch noch Dicke und Frauen in die Gruppen auf dem Plakat integriert: Frauen: Deko oder Partner? Dicke: Ungesund oder Geschmackssache. Wo bleibt die „Leben und Leben lassen“ Woche der ARD?

Wie seht ihr das? Ist so eine Themenwoche okay oder daneben?

8 Kommentare

  1. Vielleicht ist die Gesellschaft doch noch nicht so weit, wie du es gerne hättest. Es wäre schön, wenn man nicht darüber diskutieren müsste, aber anscheinend muss man es doch. Das Fernsehen spielt hierbei eine ambivalente Rolle: Einerseits spiegelt es gesellschaftliche Trends wider, so z.B. dass – endlich! – über diese Themen auch mal ein Diskurs im größeren Maßstab stattfindet. Andererseits könnte es tatsächlich selbst Trends setzen, wie mit den von dir angesprochenen, bisher sehr stiefmütterlich behandelten Untertiteln für Hörgeschädigte.

    Ich finde, bevor man sich ein Urteil über die Themenwoche bildet, sollte man zuerst einmal die entsprechenden Sendungen gesehen haben. Dass das Teaser-Bild bescheuert ist, darüber brauchen wir uns nicht zu streiten. Aber vielleicht wurde das ja auch bewusst so gestaltet, vielleicht wird ja gerade durch dieses Teaser-Bild erreicht, dass sich Leute mit der Thematik auseinandersetzen und die Sendungen anschauen? Das könnte dann auch wieder ein Dienst an der – vermeintlich angestrebten – Toleranz bzw. Akzeptanz sein. Somit kann auch ein bescheuertes Teaserbild eine positive Wirkung haben. Was für Absichten das Fernsehen dabei verfolgt, das kann ich aber erst beurteilen, wenn ich mir die entsprechenden Sendungen angeschaut habe. Falls ich sie anschaue – denn zumindest aufgrund dieses Teaserbildes würde ich es nicht tun.

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    1. Das ging mir auch durch den Kopf.
      Ich war auch schockiert über die Reaktionen auf z.b. den Gewinner/die Gewinnern bei EVSC.
      Aber die zeigen eben auf, dass es Nachholbedarf gib und Toleranz eben immernoch nicht das, was sich manch einer denkt/wünscht.

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    2. Hi, das sagen auch auf Facebook ganz viele. Wir sind noch nicht so weit. Es kann natürlich sen, dass ich mein eigenes Umfeld als Massstab anlege – und das ist sicher um einiges weiter als die große Masse. Aber ich dachte, dass mit dem Schwulsein hätte sich mittlerweile in allen Köpfen unter 40 rumgesprochen.

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  2. Dahinter stecken lang gehegte Pläne einer gewissen Spezies, mit menschenverachtenden Zielen. Oder ist das für Leute die des Denkens noch mächtig sind, alles normal? Die Hypnosewerkzeuge heißen TV und Massenmedien.
    Wie John Swinton bereits 1880 sagte:

    “Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Sie wissen es, und ich weiß es. Es gibt niemanden unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn er es tut, weiß er im Voraus, daß sie nicht im Druck erscheint.

    Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung herauszuhalten, bei der ich angestellt bin.
    Andere von Ihnen werden ähnlich bezahlt für ähnliche Dinge, und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße und müßte sich nach einem neuen Job umsehen. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los.

    Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammon zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Sie wissen es, und ich weiß, was es für eine Verrücktheit ist, auf eine unabhängige Presse anzustoßen.

    Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.”

    US-amerikanischer Zeitungsverleger und Herausgeber der “New York Times”, John Swinton, 1880

    http://freidenkertv.wordpress.com/2011/03/26/john-swinton-1880/

    http://www.lupocattivoblog.com

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  3. „wir“?
    wer ist das?
    liebe katrin,
    ein einfaches experiment reicht: such mal ein paar aktuelle studien heraus, wieviele deutsche antisemitischen klischees zustimmen. du wirst auf ein sattes drittel der bevölkerung kommen. das hat nichts mit der ard-themenwoche zu tun? doch. wenn ein drittel der bevölkerung, von denen wahrscheinlich nicht jeder auch nur EINEN juden persönlich kennt (wieviel kennst du? ich kenne zwei. also, die es von sich sagen, man weiß es natürlich nicht von jedem) antisemitische klischees hat über leute, die in ihrem umfeld nicht mal vorkommen und das im land, das auschwitz hervorbrachte, dann kannst du dir leicht vorstellen, daß minderheiten wie behinderte oder schwule nicht besser wegkommen, nur weil man ein paar mehr kennt als juden. denn für vorurteile ist die persönliche begegnung kein hinderungsgrund: im dritten reich kannte jeder viele juden, weil es schlicht mehr gab und das hat keinen deutschen daran gehindert, sich der propagandistischen entmenschlichung zu unterwerfen.
    soll heißen: die ard weiß wohl leider genau, wo große teile der bevölkerung stehen und holt sie da ab. du hättest gern ein anderes „wir“, aber das gibt es bei vorurteilsfreien menschen halt doch nur im freundeskreis. aber die themenwoche wendet sich eben nicht an die. auch wenn die wahrscheinlich den großen teil der zuschauer ausmachen werden.
    aus dem feminismus ist doch das phämomen gut bekannt: es wird ja wohl in der gesellschaft nochh genug frauenverachtende klischees geben, sonst wäre der ganze aufwand nicht nötig? und jeder mann kennt viele frauen?
    im übrigen mußt du nur in einer kleinstadt deiner wahl mit einem gleichgeschlechtlichen partner knutschen oder händchen halten, um zu wissen, wo „wir“ so sind. daß viele toleranzedikte strafbewehrt daherkommen (müssen) wird seinen grund haben? die frage, ob bei der ard-themenwoche ein sinnloser versuch von „preaching the saved“ vorliegt, also nur die erreicht werden, die eh tolerant sind, wäre ja auch nicht uninteressant. oder wie weit kampagnen wie #aufschrei am verhalten derer etwas ändern, die damit gemeint sind (so unglücklich diese kampagne allerdings auch war und wie läppisch der anlaß). das heißt, die frage aller fragen seit den sechzigern ist: kann es aufgabe von medien und des staates oder von selbsternannten vordenkern sein, „bewußtseinsverändernd“ zu wirken, oder sollten wir uns lieber doch einfach auf gesetze verlassen und akzeptieren, daß toleranz nur so durchsetzbar ist und nicht von oben in irgendwelche köpfe implantiert werden kann? zumal nicht durch plakate und gutgemeinte filmchen, die eh keiner mehr sehen kann? weil man ahnt, daß nichts bewirkt werden wird? ich bin pessimistisch? nun, der zustand der welt spricht dafür?
    guter gruß @meleksgrafitto

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