Mehr Einzigartigkeit wagen

20140521-084138.jpg

Normal. Der Norm entsprechend. Durchschnitt. Schön unauffällig, unauffällig schön. Das Thema beschäftigt mich, weil es so viel umfasst. Wir waren doch schon mal weiter, in den 70ern und 80ern träumte man den Traum einer bunteren Gesellschaft. Es war Platz für Exzentriker, Platz für ungewöhnliche Biographien. Damals galt als Schlüssel für eine gute Party in einem Club wie dem P1: ein Drittel langweilige, reiche Zahler, ein Drittel Beautiful People und ein Drittel exzentrisches Feiervolk. Das letzte Drittel würde man heutzutage unmöglich voll bekommen. Wohin ist das verschwunden? Jetzt ist immer der der Gewinner, der sich am besten angepasst hat. Gesellschaftsmimikri. Und wer ausschert, wird schleunigst auf den Pfad der Tugend zurückgebracht. „Hotter than my daughter“ heißt ein Fernsehformat, das Abweichlerinnen wieder normiert. Weil sich die kreuzbiederen Töchter für ihre Mütter schämen, die in den wilderen 70ern groß geworden sind. Guido Maria Kretschmer verpasst ihnen einen edlen Look, den sie allein nie wieder hinbekommen werden. Weg mit Lack und Leder, rein in Kaschmir und Seide. Sicher, Massengeschmackstauglicher als vorher, aber eben auch beliebiger. Und wozu? Dass wieder eine untergeht in der Masse und sich ihr hässlicher Mann freut, dass er jetzt eine schöne Frau hat. Wir lassen uns viel zu häufig von der Kosmetikindustrie, den Medien und den Modelabels in eine Norm zwängen. Wir passen uns an, nicht umgekehrt. Ich muss dabei auch an „schöne neue Welt“ von Huxley denken, wo auch immer wieder nachnormiert werden muss. Wo das Denken und die Optik gleichgeschaltet sind und alle sich den größten Schwachsinn im „Fühlkino“ anschauen, nur damit keiner auf eigene, verrückte Ideen kommt.

Ich finde, wir sind viel besser als das. Wir sind alle auf unsere Weise schön und wundervoll. So wie wir sind. Wir sollten uns so lassen. Mehr Nachsicht haben mit sich selbst, dann haben wir auch mehr Nachsicht mit anderen. Haben wir alle so Angst, individuell zu sein? Das geht ja noch weiter, wenn Angst vor Andersartigkeit und vor Veränderung Angst vor allem Fremdem und Unbekanntem schafft. Die neue Normalität bereitet den Boden für Fremdenhass, Rassismus und Exklusion. Einige Leute reagieren regelrecht wütend auf alle anderen, die es wagen, anders zu sein als sie selbst. Weil die womöglich das eigene Weltbild in Frage stellen. Das ist eine fürchterliche Entwicklung.

Überall in Europa nimmt die Fremdenfeindlichkeit zu. Das sollten wir nicht zulassen. Und den Anfängen wehren. Fremdenfeindlichkeit beginnt nicht erst bei Pöbeleien gegen anders Denkende, anders Aussehende, anders Glaubende, sondern damit, dass man glaubt, selbst der Maßstab zu sein für alles. Dass man die Norm ist, an der sich alles zu orientieren hat. Weg vom egozentrischen Weltbild zu einer offenen Sicht. Es könnte sich lohnen für uns alle.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s