Verlorene Abenteuer: Dating ohne Internet und Handy

rufdochmalan_1 #Dailyvanish Nach dem Blogaufruf  von Sebastian Hartmann aka @MuseumsHeld habe ich nachgedacht, was alles so ausgestorben ist. Ich erinnere mich an vieles, was er nicht mehr (oder kaum noch) gibt: Telefonzellen, Festnetztelefone, Billetabzwicker in der Trambahn, Calimero das kleine Küken im Fernsehen oder die blaue Elise, keine Quick, kein Tempo, keine guten neuen Asterixbände, kein Nestle Flair, ein Dessert, das man mit Milch aufgiessen musste und das dann geronnen ist (ich habe es geliebt)…

Aber es sind gar nicht so sehr Dinge, die aussterben. Was es nicht mehr gibt, sind gewisse Abenteuer des Alltags, die man nicht mehr erleben kann. Ich weiß nicht, ob ich die jetzige Teeniegeneration beneiden oder bedauern muss, sie nicht mehr zu erleben. Zum Beispiel, wie unfassbar aufregend und aufwändig es war, ohne Facebook, Twitter, WhatsApp und auch ohne Handy nur mit Festnetztelefon ohne Anrufbeantworter mit einem Jungen in Kontakt zu bleiben. Das war nicht einfach. Klar, das ging noch, wenn man zusammen in der Klasse oder im Tanzkurs war – aber ansonsten wurde es schwierig für mich. Denn: wir hatten zu Hause nur ein Festnetztelefon. Und meine Eltern waren nicht gerade dadurch bekannt, besonders taktvoll oder sensibel zu sein. Im Gegenteil. Als mein Vater mal einen ungelenken Liebesbrief eines Klassenkameraden an mich in die Hände bekam, machte er sich permanent drüber lustig… und meine Eltern haben sich später gewundert, warum ich nie, nie, nie jemanden nach Hause gebracht habe…

Ich schweife ab: Wenn ich also hoffte, dass ein bestimmter Junge anrufen könnte, musste ich permanent um das Telefon herumwuseln und hoffen, dass ich die Erste wäre, die rangeht. Ich saß also bibbernd im Treppenhaus, bibbernd vor Kälte, aber auch, weil ich Angst hatte, er könnte nicht anrufen. Da saß ich stundenlang. Beste Freundin anrufen ging nicht, dann wäre ja besetzt gewesen! Und nein, damals gab es auch noch keine Anrufbeantworter, jedenfalls nicht in unserem Haushalt. Was also heutzutage in Echtzeit stattfindet, der bange Blick aufs Display , ob er sich schon via Whatsapp, Facebook oder Mail gemeldet hat, war damals noch potenziert mit den nervigen Eltern oder dem blöden kleinen Bruder, der ja auch ans Telefon gehen könnte und das wäre noch viel doofer gewesen, weil der einem nie ausgerichtet hat, wenn (w)er angerufen hat. Rief er an, und bekamen das meine Eltern mit – machten sie blöde Witze. Als ob sie sich nicht vorstellen konnten, dass sich wer für mich interessiert. Ich glaube, ein Teil meiner Beziehungsprobleme rührt immer noch aus dieser Zeit…

Und manchmal, ja manchmal, da fasste ich mir ein Herz und versuchte tatsächlich, den (jeweils aktuellen) ihn anzurufen. Schon allein, um der Wartehölle in der Diele zu entkommen. Das ging aber nicht so einfach, heimlich war nicht zuhause. Also sauste ich mit einer Hand voll Zehn-Pfennig-Stücke zur 300 Meter weit entfernten Telefonzelle. Nie mit  Mark-Stücken, die wären ja verfallen, wenn er nicht dagewesen wäre. Anrufen, das war nämlich noch viel blöder – denn zum einen darf eine Frau einen Mann ja nicht anrufen (wie man als Teenie so glaubt) und … auf der anderen Seite war das Drama ja kaum kleiner. Da stand man, das Herz pochte bis zum Hals, man hoffte, die mit zittrigen Fingern aufgeschriebene Nummer stimmte, hatte seine Ansprache vorbereitet..und hatte die Mutter dran, die ihren Sohn schnippisch ans Telefon rief  „Hubi, eine Verehrerin ruft an!“ Und du wußtest, er stand dann auch mit hochrotem Kopf am Telefon, hinter ihm seine Mutter, die so tat, als hörte sie gar nicht zu, um danach mit Fragen zu löchern…Es war die Hölle. Eigentlich wundert mich nicht, dass meine Generation so verkorkste Beziehungen hat. Schuld war das Telefontrauma der Teeniezeit. Und ich kann nach dem Schreiben des Artikels sagen: ich beneide die heutige Jugend.

5 Kommentare

  1. Köstlich! Wer waren wir damals nur ohne SMS und Handy? Damals war es noch viel einfacher, nach einer Trennung den Kontakt abzubrechen. Kein Stalken auf Social Media Portalen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und wir hatten auch noch keine Ratgeber über die Regeln das Datings. „Er steht einfach nicht auf Dich!“ – Hä? Damals blieben wenigstens die Illusionen ;-).

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  2. Haha einfach genial, der Artikel 😀 Allerdings ist es heute auch kein Zuckerschlecken, denn OnlineDating ist total fehlgeleitet und meistens sind nur Spinner vertreten und wenn man es mal wagt, jemanden aus meiner Generation anzurufen, wird entsetzt gefragt:“Kannst du ihn denn nicht per WhatApp schreiben? Er findet das sicher vooooll aufdringlich!“ Also beneide uns nicht 😉

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