So schön ist der Tod nur in Bayern!

heavenly-bodies-paul-koudounarisIch kann mich noch gut erinnern: meine Eltern haben mich oft mitgenommen auf Ausflüge, in Museen und andere Städte – und auch in Kirchen. Und die waren in meiner Kindheit ungleich faszinierender als heutzutage. Da gab es in der Klosterkirche etwa einen Schaukasten, wenn man ein Zehnerl reinwarf, kamm das Christkind raus, hat gesegnet und ist wieder im Kasterl verschwunden. Toll. Meine Omas, Tanten und meine Mama haben mit mir als Dreijähriger dort viele Zehnerl verbraucht. Ich frage mich manchmal, was mit dem Kasten passiert ist, in der Kirche steht er nicht mehr – ich hätte den gerne für meine Devotionaliensammlung…

Und es gab noch etwas, was mich gleichermassen fasziniert und gegruselt hat: die Leichen, die gut sichtbar in den Kirchen drapiert waren. Skelette, eingepackt in Schleierstoffe, reichverziert mit Goldfäden und Schmucksteinen. Heavenly_Bodies_web_res_6Inmitten all der Pracht ragten die Totenfinger aus dem Stoff, die augenlosen Totenköpfe starrten mich an. Ich hatte nächtelang Alpträume und bin doch in der nächsten Kirche wieder hingesaust, um mit morbider Faszination die Knochen zu betrachten. Meine Eltern haben das gar nicht so gemerkt, die Toten waren für sie ein irgendwie selbstverständlicher Anblick. Ich hab mir damals auch nie Gedanken darum gemacht. Das waren halt die Gebeine von Heiligen und fertig. War mir egal. Das war besser als die Geisterbahn auf dem Rosenheimer Herbstfest.

Ich hab lange nicht mehr daran gedacht, bis vor kurzem die Webseite des Smithonian Museums über seltsame Bräuche entlang der Alpen berichtet hat, von einem Kunsthistoriker namens Paul Koudounaris, der sich aufgemacht hat, diese Bräuche in einem Buch „Heavenly Bodies“ (Thames& Hudson Verlag, 19,95) zu dokumentieren. Das wurde geschildert wie ein seltsames Maori-Ritual, und mir wurde erst so bewußt, wie fremd und exotisch auch unsere Bräuche auf Fremde wirken müssen. Immer eine interessante Betrachtungsweise – von Aussen. Der Herr Koudounaris ist ein Spezialist auf dem Gebiet der makaberen Kunst, klar, dass ihm die bayerischen Heiligen gefallen haben.

In dem Buch hab ich dann auch mehr zu den Leichen erfahren. Die Knochen stammten aus den Katakomben in Rom und wurden vom Vatikan im 18.Jhrt zu Märtyrern erklärt, mit einem Namen versehen und (natürlich gegen Bares) an die Kirchen jenseits der Alpen verschickt. Die Verzierung übernahmen dann Nonnen, die die Leichen liebevoll mit Gold umwickelten, wie es sich für heilige Reliquien gehört.  Irgendwann sind sie dann aus der Mode gekommen und in Kisten verschwunden, bis auf einige Kirchen, wo sie noch liegen und in ihren Prunkgewändern auf die Ewigkeit warten.

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