Das neue Biedermeier

Piratisierer1375877523Jedes Jahr aufs Neue gewanden sich Menschen und verbringen ihre Tage auf Mittelaltermärkten. Ein Mittelalter ohne Seuchen, Räuber und andere Gefahren für Leib und Leben. Damals, da war die Welt in Ordnung. Es gab eine klare Ordnung, die Umwelt war nicht verschmutzt und die Erde noch eine Scheibe. Es gab keine komplizierte Technik, keine komplizierte Politik, dafür edle Könige, schöne Prinzessinnen und romantische Ritter, die auf weißen Pferden dahinritten, um den Gral oder zumindest eine Jungfrau in Nöten zu finden.

Es gab schon einmal eine Zeit, in der die Menschen vom romantischen Mittelalter und stolzen Burgen träumten, sich als Ritter verkleideten und von der Gegenwart nicht so viel wissen wollten. Das war im 19 Jahrhundert, während die französische Revolution gerade ihre Kinder gefressen hatte und Napoleon „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ mit den Bajonetten durchsetzte, die industrielle Revolution sich ankündigte, da wollte das Bürgertum lieber nicht so genau wissen, was da vor sich ging. Da zog man sich nach innen zurück, machte das Haus schick und träumte von besseren Zeiten.

„Mit dem Begriff Biedermeier ist in erster Linie auch eine bürgerliche Kultur gemeint, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand. Das Bürgertum kultivierte das Privat- und Familienleben in ganz neuem Ausmaß. Nicht die Repräsentation stand im Vordergrund, sondern das häusliche Glück in den eigenen vier Wänden, die zum Rückzugsort wurden. Bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl, Bescheidenheit wurden zu allgemeinen Prinzipien erhoben. Die Biedermeier-Wohnstube war die Urform des heutigen Wohnzimmers, und wahrscheinlich wurde damals der Ausdruck Gemütlichkeit eingeführt. Die Geselligkeit wurde in kleinem Rahmen gepflegt, beim Kaffeekränzchen, am Stammtisch, bei der Hausmusik. Die Liebesheirat wurde erfunden, „drinnen waltet die züchtige Hausfrau“ dichtete Schiller. (http://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier)

Und jetzt sind wir mitten im Neobiedermeier. Der Bürger, ausgestattet mit einem Landlust-Abo, zieht sich ins Private zurück. Wichtig sind Familie und Freunde, gemeinsames Grillen und der Urlaub. In die Politik will er sich nicht einmischen, denn er „kann ja eh nichts machen“ und die Überwachung allerorten schreckt ihn nicht, denn “er hat ja nix zu verbergen“. Frau Merkel ist die Kanzlerin dieser Leute, denn sie vermittelt den Eindruck, alles in der Hand zu haben, alles mit ruhigem Blick zu verwalten und zu lenken. Dass diese Idylle bedroht ist, das will der Neobiedermeier nicht sehen. Dass sein Geld weniger wert ist, sein Rentenalter sich verschiebt, die Schulen seiner Kinder marode werden und dass deren Zukunft auf wackeligen Beinen steht – egal.  Ist noch Grillkohle da und Bier kalt? Dann passt ja alles. Auf die Straße demonstrieren  geht der Biedermeier nicht mehr. Höchstens, wenn ihm ein Neubau eines Flughafens oder Klärwerk seine private Idylle verhageln würde. Dann wird er wütend, der Biedermeier. Ansonsten macht ihm jede Veränderung größte Sorge, es soll bitte alles so bleiben wie es ist. Piraten und andere, die die neue spießigkeit nicht so unkommentiert lassen wollen, gelten als subversive Spinner, die den Biedermeiern ans sauer erworbene Geld wollen und die eh nicht wissen, wie Politik funktioniert. Weil sie sich sonst eingestehen müßten, dass man ja doch was ändern kann – als Bürger. Das wird aber nicht so gern gesehen.

Die Frauen der Biedermeier denken genauso, die sind nur ein bisschen flippiger, hängen mit Freundinnen im Cafe ab und machen lieber Yoga als Karriere. Ist ja auch besser so, der Blick ins Innere. Dabei sind sie echt emanzipiert, haben kein Haushaltgeld mehr, sich nach der Geburt freiwillig entschieden, daheim zu bleiben, tragen „freche“ pinke Strähnchen im Haar und träumen vom „letzten Bullen.“ Ihr Vorbild heißt Kate Middelton und sie wollen alle „ein bisschen Prinzessin sein“.

Klar, dass unsere Politik diese Entwicklung ganz super findet – bravere Bürger wird sie kaum finden. Und zum Träumen von einer besseren Welt, wo man als Held für das gute gegen das böse Imperium kämpfen kann, kann der Neobiedermeier sich ja immer noch die Herr der Ringe Trilogie reinziehen  und zum Mittelaltermarkt gehen als Elb verkleidet…

Ein Kommentar

  1. Hallo Wv’in,
    Du /sie hast ja recht, aber ich glaube da spielte auch ein bisschen „Rassismus“ gegen den Mittelstandsbürger rein. Ich denke eher das einige Menschen, es soll im Osten auch Männer geben die von der Arbeit Ihrer Frauen leben OHNE als Zuhälter zu gelten, gibt, die sich auf den Organisatorposten zur Regelung des „Alltages“ begeben. Bewusst spreche ich da NICHT von zurück ziehen. Es gibt eben die so genannten Regelungen innerhalb der Familie, auch ohne Trauschein.
    Das dabei unreflektierte Verlustängste über den eingerichteten Zustand vorhanden sind, denke ich, ist einfach nur Menschlich.
    Ich stehe Voll an deiner Seite wenn ich über Engagement nachdenke. Ob dies nun politisch ist oder den, zwar verunglimpfenden aber recht gut beschriebenen „Wutbürger“ – erklärt, ist erst einmal zweitrangig.
    Die Differenzierung liegt, denke ich, nicht in der Konservativen oder liberalen oder auch linken Ausrichtung, sondern ob es darum geht, neue Wege zu beschreiten (wie ich aus Deiner öffentlichen Darstellung herauslese, gehörst du dazu) oder alles zu „bewahren“ also das Verhindern von Veränderungen. Und das Bild der „BerlinMitteMuttimitKindwasunbedingtChinesischlernenmuss, dabei Latte
    mit ökologisch korrekter Sojamilch schlürft (ECKELHAFTES ZEUG) trifft oft zu. Aber über das Vorurteil kommt man nicht hinweg, wenn man nicht hinterfragt. Warum?? Die Forderung der Gesellschaft, nach Perfekt !!!
    Frau ; Schön, Intelligent, Nicht rauchend (wenn dann draußen((böse Mutti))
    Sozial engagiert (min. im Kindergarten) tolle nie genervte sexy, aber nicht wilde, gerade gehende starke in Bett zarte Frau. Das diese Frauen das zu mindesten nach Aussen annehmen ist bestimmt auch Gruppendynamisch zu erklären (schliesslich will jeder irgendwo dazu gehören).
    Männer : stark, markant, ohne an jede Ecke zu (sorry)“ pissen“ Brad Pittig
    Kollegial, sportlich für Fussball mit Kind (auch Tochter) schliesslich ist er
    Genderneutral. Und so weiter. So funktionieren eben VIELE aber auch nicht Alle!! Es ist so einfach über „prism“ zu schimpfen, aber die Interessierten wussten schon vor 20 Jahren das es „Echolon“ gibt.
    Ich mag es auch über diese „Verrückten“ aus der Sicht der „besser
    Informierten“ zu lästern, aber in der belästerten Menschengruppe werden bestimmt zu Leuten wie WIR ???? auch Vorurteile stehen und Wir !!
    bedienen diese. Unser Problem ist „Besserwisserei“ zu Themen die teilweise Spezialwissen oder extreme Infosucht. voraussetzen.
    Da ich schon ein bisschen Älter bin (grins) habe ich bestimmt schon etwas „Altersgelassenheit“ die sagt mir öfters: Miki, lass mal jeden seine Erfahrungen selber machen. Und wünsche Dir (also Mir) das jeder Glücklich wird und zwar wie es mal der „alte Fritz“ mal sagte:
    JEDER !!! nach seine Façon.
    Denn wenn alle Menschen glücklich!! gibt es bestimmt Streit über das wie!! aber glückliche Menschen schiessen nicht aufeinander.

    Ich rufe zur Diskussion. Miki

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