Hilgerlicious – Luxus ist unsere Natur

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Bitte, verharmlost Alzheimer nicht!

Alzheimer ist ein Thema in den Medien, seit auch Promis davon betroffen sind. find ich einerseits sehr gut, denn was im Brennpunkt steht, von  Medien beschrieben, in Talkshows diskutiert, wird wahrgenommen, es wird geforscht und hoffentlich irgendwann eine Möglichkeit gefunden, es zu heilen, btw es gar nicht erst entstehen zu lassen. Ich habe mit intensiv mit der Krankheit auseinandergesetzt. Denn ich bin Betroffene – meine Mutter hat Alzheimer. Sie kennt mich nicht mehr, muss gewickelt und gefüttert werden. Das mache ich nicht ich, das macht dankenswerterweise ein Heim. Mein Vater hatte es jahrelang auf sich genommen, dann konnte er nicht mehr.

Doch mittlerweile treibt die Berichterstattung in eine Richtung, die mir als Betroffener den Magen umdreht. Jetzt haben auch pflegende Angehörige den gleichen schwarzen Peter gezogen wie Eltern mit schwierigeren Kindern. Nämlich, dass man nur mit genügend Optimismus und positiver Einstellung rangehen muss, dann ist das alles gar nicht so schlimm und eigentlich ganz dufte. Und man ist selbst schuld, weil man nicht „genügend Wärme und positive Ausstrahlung reinlegt.“ Danke an Frau von der Leyen und Frau Furtwängler. Deren Väter haben Alzheimer. Ich bin sicher, auch die beiden leiden sehr darunter. Um so weniger verstehe ich den  Focus Artikel der beiden Vorzeigesuperfamilienfrauen . Sie schwafeln, wie nett die Patienten doch werden, wie gutgelaunt und fröhlich – Auch die Familien von Alzheimerpatienten müssen sich jetzt vorwerfen lassen, „wenn der Pflegende Glück ausstrahlt, ist auch der Gepflegte glücklich.“ So in etwa. Es stimmt nicht. Alzheimer ist grausam und furchtbar und entsetzlich, meine Mutter hat sich von einer fröhlichen Frau in ein Wrack verwandelt, das vor sich hinbrabbelt und Verwünschungen ausstößt. Egal, wie positiv ich das sehe. Sie versucht, einen mit einer Handtasche zu schlagen, wenn man ihr die vier Winterjacken übereinander im Hochsommer auszureden versucht. Sie ist immer von daheim weggelaufen, wir mußten sie stundenlang suchen, ab und zu brachte die Polizei sie nach Hause. Ich finde auch, die Würde des Kranken ist ein hohes Gut, aber Alzheimer nimmt wenig Rücksicht auf Würde. Es gibt solche und solche Alzheimerpatienten, manche werden nette kleine Kinder, manche bockige Biester. Unabhängig vom eigenen ehemaligen Charakter oder von der positiven Ausstrahlungen der Angehörigen.

Dieser Tatsache etwas Positives abzugewinnen ist mir kaum möglich. Ich möchte weder Frau Furtwängler noch Frau von der Leyen ihre privilegierten Lebensumstände vorwerfen,  aber ich werfe ihnen vor, etwas zu beschönigen und bagatellisieren, was nicht schön und nicht banal ist.  Damit wird auch keinem Angehörigen geholfen. Im Gegenteil, es klingt, als ob die häusliche Pflege aus dem Anlegen von Schwimmflügelchen bestünde. Nichts ist weniger wahr.