Von der Kunst und dem Geld

Ein Aufschrei geht durch Deutschland: der politische Geschäftsführer der Piraten, Johannes Ponader, bezieht immer mal wieder ALG2. Dieser Aufschrei wirft ein Schlaglicht auf die Art und Weise, wie Politiker gesehen werden, aber auch darauf, wie freie Künstler gesehen werden. Denn ich hatte auf Twitter geschrieben „Viele hochbezahlte Schauspieler beziehen Sozialhilfe. Da regt sich keiner auf“. Wie man denn sowas behaupten könne, gibt es dafür Belege? Nun, die Belege liegen eigentlich auf der Hand: nicht jeder Fernseh- und schon gar nicht Filmschauspieler ist jeden Tag fest im Engagement. Wenn der Film „ein Krankenhaus in Cornwall“ abgedreht ist, geht es erst einmal aufs Arbeitsamt, arbeitslos melden – wie es jeder andere auch täte, der seinen Job los geworden ist. Dazu hat auch ein Künstler das Recht. Und was kommt dann? Eigentlich das Gleiche, wie bei allen anderen auch. Je nach Länge der Beschäftigung erstmal Arbeitslosengeld und nach einem Jahr ALG2. Das ist nicht mal so selten, denn Rollen sind rar. Denn, das übersieht gerne jeder, die Glamourbranche ist so glamourös nicht, die Tagesgagen sind teilweise nicht schlecht, aber alles andere als so, dass man sich einen lauen Lenz machen könnte. Hier verdient keiner Fanstastillionen pro Film wie in Amerika. Rund 2000 Euro pro Tag gibt es im Schnitt für bekannte Gesichter, diejenigen Schauspieler, die in Deutschland gut davon leben können, dürften in Deutschland nicht mehr als 200 sein.
Trüber sieht es für das Heer anderer Künstler auf: Schauspieler und Regisseure, die für 200 Euro pro Abend den Papageno in Kniritz an der Knatter geben, den Maler, der ab und an ein Bild für 1000 Euro verkauft, die Band, die immer mal wieder ein Engagement bekommt und vom Plattenvertrag träumt, der freie Schriftsteller…all die sind darauf angewiesen, ab und an Unterstützung zu beziehen. Diese etappenweise Unterstützung ist Gang und Gäbe und es wundert mich, dass das Arbeitsamt bei Johannes Ponader damit so hoffnungslos überfordert war. Natürlich gibt es noch einen Weg: den einen oder anderen Job zu machen, der Geld bringt, aber die Künstler in ihrer Kunst beschneidet. Und hier sind wir bei dem Punkt, den Johannes Ponader meiner Meinung nach zeigen will.
Denn was bringt eine Gesellschaft wirklich weiter? Da sind wir bei der Fabel von der Ameise und der Grille. „Da könnte ja jeder kommen“, heißt es dann. Oder „Nur wer arbeitet, darf essen.“ Künstler, Freiberufler, Ehrenamtliche arbeiten ja auch. Nur stellt sich da die Bezahlung nicht immer sofort oder ausreichend ein. Da gibt es Durststrecken. Soll es deswegen keine Kunst mehr geben? Nun, dass das möglich sein sollte, dafür setzen wir uns Piraten ein. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für jeden. Wir hätten gerne eine Republik mit einem Recht auf Glück und einem Recht, den Beruf auszuüben, der einen erfüllt und glücklich macht. Vielleicht ist es (noch) eine Utopie – aber wer es als asoziale Unverschämtheit geisselt, sollte sein Weltbild überdenken. Ich würde in einer Welt ohne Grillen nicht leben wollen.

Der zweite Punkt, der mich irritiert, ist das Bild der Politiker. Anscheinend ist es völlig selbstverständlich, dass prominente Politiker Gutverdiener sind. Dass eine politische Partei reich ist. Das ist falsch. Die Piraten stehen am Anfang, beziehen kaum die Parteiunterstützung der Etablierten – wir können uns es nicht leisten, Vorstand und Ehrenamtliche zu bezahlen. Viele empfinden jetzt die staatliche Unterstützung mit ALG2 als Frechheit, aber über die Millionen der Parteienfinanzierung und Spenden wird kein Wort verloren. Es wird sich beschwert über die angeblich zu hohen Diäten der Politiker, ein mittlelloser Politiker ist aber genauso ein Unding. Als ob man sich als politische Partei ganz selbstverständlich aus den Staatstöpfen bedienen könnte. Wie pervers ist das denn? Steuern, Vortragshonorare, Vorstandsposten im großen Stil beziehen ist supi, im klitzekleinsten, dem ALG2, ist Geld vom Staat Ausnutzen und eine Sauerei? Das ist Bildzeitungslogik, die den sozialmißbrauch geisselt und über den steuerlosen Deal von VW mit Porsche kein Wort verliert. Dass, was eine Hyporealestate schon an Stuergeldern verschleudert hat, kann eine Armee von Hartz IVlern versorgen. Ich würde mir wünschen, die Leute würden das erkennen und anfangen, mit gleichem Augenmaß zu messen. Und es ist traurig, dass es „Anhänger“ der piraten gibt, die erklären, das Tun von Johannes Ponader würde schaden. Er hat versucht, eine Grundidee der Partei, das bedingungslose Grundeinkommen, vorzuleben.  Er ist an den herrschenden Bedingungen gescheitert. Aber er hat eine Diskussion angestoßen.  Wer das als Schaden empfindet, sollte uns nicht wählen.

26 Kommentare

  1. Nun, auch bei Rechtsanwälten glauben alle, dass wir für wenig Arbeit unmoralisch viel Geld bekommen… so ist es eben!
    Zum Thema: Die Diskussion geht meiner Ansicht nach fehl, bzw. wird rein zu Stimmungmache genutzt. Das gefällt mir daran nicht.
    Wer hilfsbedürftig ist, der soll Sozialleistungen bekommen, egal welcher sein eigentlicher (Wunsch-)Beruf ist. Schauspieler ohne genügendes Einkommen und Vermögen, natürlich! Politiker? Ebenso!
    Das Gesetz fordert aber auch, dass der/die Hilfsbedürftige alles tut, um nicht mehr hilfsbedürftig zu sein, so es hinzunehmen ist.
    Hier halte ich die Aussage eines (Spitzen-)Pilitikers für mehr als fragwürdig, er würde nur arbeiten wenn es ihm Spass macht. Super Vorbild!
    Natürlich ist es ein Ideal, dass der Job Spass macht. Aber wenn es nur diesen Aspekt gibt, dann wird bei uns ganz schnell zusammenbrechen, man muss nur bei Twitter lesen, wie wenigen der Job Spass macht. Und die sollen alle vom Staat leben!? Wer macht dann die Arbeit!?
    Wir müssen diskutieren, dass nicht alles, was die Jobcenter machen menschenwürdig ist. Wir müssen diejenigen Unterstützen, die sich den Arsch aufreißen und nicht von ihrem Lohn leben können. Wir müssen Menschen, die nicht anders können, helfen.
    Ob ein Spitzen-Pirat Geld vom
    Amt bekommt oder nicht, ist der berühmte Sack Reis in China. Wenn er hilfsbedürftig ist, natürlich! Er darf nur nicht besser gestellt werden, weil er eine Twitter-Fanbase hat. Er ist genauso rein nach dem Gesetz zu behandeln, wie jeder.
    Das Gesetz ist doof!? Das ist eine andere Diskussion! Hier fehlen mir die nachvollziehbaren Inhalte, denn BGE überzeugt mich nicht. Gar nicht. Auch wenn mich noch so viele Sektengleich bekehren wollen.

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  2. Ich war derjenige, der die Aussage angezweifelt hatte und ich zweifel sie für „hochbezahlte Flimstars“ immer noch an – das hängt halt einfach ander Definition dieses Ausdrucks. Dass normale Schauspieler regelmäßig arbeitslos sind und ihr Geld nicht immer reicht, ist eine ganz andere Baustelle. Dass das Geld nicht immer reicht, wird allerdings für viele Freiberufler in unserem Land gelten.

    Aber das alles hat doch nichts mit Johannes zu tun. Der Grund für das Gemäkel des Amtes war sein Job als politischer Geschäftsführer, was aber keine freiberufliche Tätigkeit ist, sondern ein Ehrenamt. Dieses dürfte genau gar nichts mit seinen Sozialbezügen zu tun haben und es ist beschämend, dass es doch so ist.

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  3. Dass sich in diesem Fall „hohe Tiere“ der BA persönlich eingemischt und öffentlich Stellung bezogen haben, ist für mich der Skandal. Mir leuchtet allerdings der Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen nicht ein. Und solange Polanger ALG2 bezieht, gilt für ihn wie für jeden anderen, dass er nur eine begrenzte Stundenzahl (15 pro Woche) ehrenamtlich tätig sein darf und dass er anrechnungsfrei nur ca 175 € im Monat erhalten darf. Das Honorar eine Diskussionsrunde bei Jauch dürfte erheblich über diesem Satz liegen!
    Für mich ist es zudem problematisch, wenn eine Partei ihren politischen Geschäftsführer finanziell so schlecht stellt, dass er auf Sozialleistungen angewiesen ist.

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    1. „Und solange Polanger ALG2 bezieht, gilt für ihn wie für jeden anderen, dass er nur eine begrenzte Stundenzahl (15 pro Woche) ehrenamtlich tätig sein darf und dass er anrechnungsfrei nur ca 175 € im Monat erhalten darf. Das Honorar eine Diskussionsrunde bei Jauch dürfte erheblich über diesem Satz liegen!“
      Du hast offenbar nicht alles verfolgt, gelesen, verstanden. Seufz

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      1. Darf ich diese Regelung für doof halten? Ja, ich finde auch, dass Honorare auf ALG2 angerechnet werden sollten – was ja der Fall ist. Aber ich finde es gut, wenn sich wer ehrenamtlich engagiert. Dann vielleicht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht, aber der Gesellschaft dient. Ich kann niemanden zwingen, dass er die Piraten mag, aber ich finde, auch politische Arbeit ist Arbeit, neue Ideen durchdenken ist etwas, was eine Gesellschaft honorieren sollte.

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  4. Den letzten Satz finde ich sehr bemerkenswert. Die Piraten müssen nach den Wahlerfolgen und Sitzen in Parlamenten nun lernen, dass sie eben nicht mehr nur unprofessionell oder planlos agieren können und sollten. Natürlich kann man gegen bestehendes Recht sein, man hat es aber bis zu dessen Ablösung zu respektieren und anzuwenden.
    Und genau hier liegt das Problem? Wie passt da das politische Amt hinein? Hier sollten die Piraten erwachsener werden und professioneller Ämter verteilen. Entweder es gibt eine Vergütung durch die Partei oder das Amt kann im Rahmen der Gesetze ausgeführt werden. Dies kann und muss natürlich geprüft werden, auch wenn es nervt. Es ist nicht Aufgabe eines Leistungsträgers für hohe politische Ämter zu bezahlen, sondern für Hilfsbedürftige – wer das ist, ist klar definiert.

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  5. Seltsam, mich schockiert eigentlich weniger der Bezug des ALG, als vielmehr wie über den Bruch des Sozialgeheimnisses mit dem Fall fast schon öffentlich umgegangen wurde und bei allen Amtshandlungen eine gehörige Portion Willkür dabei ist – dann aber teilweise genau im Detail geprüft wird.

    Für die Zukunft wünsche ich mir hier zwei Dinge:
    1. Dass die Politiker und politischen Gegner sich wirklich mal mit den Ideen der Piraten auseinandersetzen und es verstehen. Auf Anhieb so viele Wähler bekommen keine „Protestparteien“, sondern Parteien mit realitätsnahen Inhalten.
    2. Mehr Aktive in der Regierungsverantwortung, die wie Johannes Ponader das geschaffene System aus eigener Erfahrung her kennen und es alles viel selbstverständlicher wahrnehmen, eben weil sie es nicht nur aus einem abstrakten Bezug her kennen.

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  6. Wie ist das denn nun mit euch Piraten und dem gläsernen Politiker? Gilt das nur für Menschen mit Mandat, oder auch für Parteiämter? Auch für ehrenamtliche?

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  7. „Aber ich finde es gut, wenn sich wer ehrenamtlich engagiert.“
    Wenn man schon den alt-ehr-würdigen Begriff „Ehrenamt“ benutzt, sollte klar sein, was darunter fällt. (Ich habe mich viele Jahre ehrenamtlich engagiert, finde das also auch gut. Laut Wikipedia ist jeder 3. Deutsche ehrenamtlich tätig!)
    „Dann vielleicht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht, aber der Gesellschaft dient.“
    Dann ist es eben kein Ehrenamt, sondern bezahlte Arbeit, auch wenn das Geld aus anderen Töpfen kommt.

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  8. @Markus:

    ICH sage das. Der Ponader auch, und die Wikipedia (…) sagt dazu u.a.:

    „Sozialgeheimnis ist heute der Anspruch des Einzelnen, dass die ihn betreffenden Sozialdaten von den Sozialleistungsträgern nicht unbefugt erhoben, gespeichert, verarbeitet, verändert, übermittelt, gelöscht und genutzt werden. Ob diese Daten geheim oder offenkundig sind, ist für das Sozialgeheimnis unerheblich.“

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialgeheimnis

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    1. @jke

      Was Du, der Ponader (vor allem der) oder Wikipedia über juristisch korrekt sagen interessiert ersteinmal echt niemanden. Glücklicherweise haben wir keine Selbstjustiz. Wenn es so offensichtlich ist, wo ist seine Klage dagegen? Gewinnt er doch mit links, richtig? Mit der Kohle aus Schadenersatzansprüchen kann er vielleicht 1/2 Jahr leben. Also, wo ist die Klage eingereicht und wann? Und bitte komm‘ jetzt nicht mit irgendwelchen staatlichen Verschwörungstheorien und dass das deswegen erfolglos wäre.

      Lies nochmal was Du selbst aus der Wikipedia zitiert hast. Du kannst Dir auch gerne die entsprechenden Artikel in den SGBs durchlesen, die gibt es im Internet.
      Und dann sag nochmal wer nun genau bei welcher Gelegenheit das Sozialgeheimnis unter obiger Definition verletzt hat? Diese Information bleibt Ponader übrigens auch selbst schuldig.

      Schon lustig, dass der Ponader rumläuft und Müll erzählt und jeder labert diesen Müll ungeprüft nach, weil er ist ja der tolle politische GF der momentan hippsten Partei in Deutschland. Wo bleibt da nur die Transparenz?

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      1. @katrinhilger
        Wen habe ich wo beleidigt?
        Juristrische Urteile trifft in Deutschland ein Gericht und keine Privatleute. Deshalb sind Aussagen von Privatleuten „das ist juristisch falsch“ irrelevant. Meinstest Du das?

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      2. Ich will auf meinem Blog einfach einen respektvollen, freundlichen Umgangston – ich freu mich sehr, wenn hier diskutiert wird, aber bitte imer in einem sehr engen Rahmen der Höflichkeit.

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  9. Bitte, nichts vermischen oder Wunschdenken als geltendes Recht betrachten.
    Ob die Piraten Transparenz wünschen ist unerheblich, denn es gibt das Sozialgeheimnis. Wenn nun ein Pirat sich über dessen Bruch aufregt, hat er – wenn es so passiert ist, wie behauptet wird – ein Verstoß gegen geltendes Recht. Klar hat es einen faden Beigeschmack, dass ein Politiker das einfordert, was er eigentlich bekämpft. Aber ist so nicht Politik schon immer und zeigen die Piraten damit nicht auch, dass sie auch nur „normale“ Politiker sind?
    Davon abgesehen, ob tatsächlich ein Verstoß gegen das Sozialgeheimnis vorliegt, kann seriös aus der Ferne nicht beantwortet werden. Die Aufregung ist aber normal, egal ob Pirat oder BILD – alles ist gleich „wahr“ und ein „Skandal“. Also, besser entspannt bleiben…

    Bezüglich der Ehrenamt-Frage: Ehrenamt ist wichtig, sehr wichtig. Aber ab wann ist Ehrenamt kein Ehrenamt mehr? Wann ist es nich mehr (nur) der Gesellschaft dienlich? Wer entscheidet das überhaupt?

    Der Gesetzgeber fordert von Beziehern von ALG II, dass er alles versucht, aus der Hilfsbedürftigkeit heraus zu kommen (vereinfacht). Dies ist bei Full-Time-Parteiarbeit oder „ich mache nur, was mir Spass macht“ nicht der Fall. Warum soll der Politiker hier anders gestellt werden? Und will ich es überhaupt, dass Funktionäre aus diesem Topf bezahlt werden? Hat der Politiker nicht die Aufgabe, der Gesellschaft zu dienen und nicht (bewusst) auf Kosten des Sozialstaates zu leben, weil er gerade Lust hat?

    Ein Politiker sollte Vorbild sein. Das ist bei den „alten“ Parteien leider oft nicht der Fall – aber warum machen es die Piraten dann nicht besser!? Warum schaffen es die Piraten nicht, ihr Personal zu bezahlen – wie andere auch? Und wenn Ehrenamt, was ja gut ist, dann eben in dem Rahmen, der erlaubt ist. In der Theorie nicht schwer… 😉

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