Wird wer gezwungen, in den Puff zu gehen?

Ich weiß ja nicht, was Spiegelredakteure so im Internet anstellen, aber offensichtlich sind sie immer nur zwangsweise in den dunkelsten Ecken des Netzes unterwegs. Anders läßt sich der reißerische Aufmacher-Artikel samt noch reißerischerem Titelbild diese Woche kaum erklären. Was wird da nicht alles gemunkelt – von Abgründen, die auf jeder Seite drohen, Pornos, Kindsmißbrauch, Datenklau, Viren, Diffamierungen, Gewalt allerorten. Anarchie und Randale allerorten auf der Datenautobahn.

Ich bin überrascht. Es muss ein anderes Netz sein als das, in dem ich unterwegs bin. Ich bin seit zehn Jahren dabei und ich war noch nie auf einer Pornoseite, habe keine Bilder von mißbrauchten Kindern angeboten bekommen, kein Mensch beleidigt sich in meinen Accounts in Facebook oder Twitter, stattdessen bin ich Fan von Seiten wie Cuteoverload oder gofugyourself, einer Seite, die nix mit Porno zu tun hat, sondern die Modesünden von Stars karikiert. „Enlarge your penis“ oder „heiße Muschi“-e-mails landen im Spam und werden unangesehen gelöscht. Gewinnspiele und andere Datensammelaktionen werden gemieden.  Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass all der Mist existiert. Aber bin ich gezwungen, ihn anzusehen oder mitzumachen? Klar, es kann passieren, dass man im Internet gemobbt wird. Und? Haften nicht die Betreiber von Foren für die dort geposteten Inhalte? Und, solange die Zahl der Fälle noch so gering ist, dass Mobbing- Täter und Opfer Namen haben (und die Täter auch bestraft worden sind), muss man sagen, mei, ganz ist Mißbrauch nie auszuschließen.

Für mich ist das Internet wie eine riesige Stadt, von der ich weiß, dass sie dunkle Ecken hat. Und wenn ich nicht sehen will, was in diesen dunklen Ecken passiert oder ich nicht ausgeraubt werden will, dann sollte ich diese Ecken meiden. Das geht problemlos. Wenn man die Analogie Stadt und Internet weitertreibt: niemand käme auf die Idee, in Städten Straßenzüge komplett zu sperren oder Städte als solches zu verbieten. Oder in jede Wohnung einen Beamten zu setzen, der überprüft, was da vorgeht. Nein, in den dunklen Ecken wird öfter mal Streife gefahren. So funktioniert es real.

Funktioniert es so auch virtuell? Ich denke schon. Es wird nie zu schaffen sein, aus dem Internet eine Blümchenwiese zu machen. Das Netz ist eine virtuelle Abbildung der realen Welt mit all dem Schönen und all den Unzulänglichkeiten, mit denen wir eben auch real konfrontiert sind. Was sollen Sperren, Zensur und Verbote ausrichten gegen die menschliche Natur? Wenn einer etwas Illegales tun will, dann macht er das, Verbot hin oder her, real oder virtuell. Es ist eher ein philosophisches Problem, als eines, das der Gesetzgeber lösen kann.

Klar, es wäre klasse, wenn Straftaten im Netz weltweit gefahndet und geahndet würden – aber wenn wir es nicht mal hingekommen, dass die Länder dieser Welt real sich auf Umweltstandards und Menschenrecht einigen können – wieso soll das dann virtuell funktionieren?

2 Kommentare

  1. Vollkommen richtig, aus der Seele gesprochen. Die Stadtanalogie ist ziemlich treffend, gerade wenn ich an NY denke. Es gab Zeiten, da ist nicht mal die Polizei in gewisse Gegenden gefahren. Den Wahn, die Illusion, alles immer und überall unter Kontrolle bekommen zu wollen ist verständlicherweise sehr Deutsch und hat auch sein Gutes. Im echten Leben klappts halt nicht, weder on- noch offline.

    Gefällt mir

  2. „.. – aber wenn wir es nicht mal hingekommen, dass die Länder dieser Welt real sich auf Umweltstandards und Menschenrecht einigen können – wieso soll das dann virtuell funktionieren?“

    Hervorragender Artikel mit einem schönen Schlußwort,
    Danke dafür!

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s