Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Presslufthammer gegen die Zivilisation

babylonAls ich ein Kind war, war mein Lieblingsbuch “Götter, Gräber und Gelehrte – der Roman der Archäologie” . Ich verfolgte mit, wie Schliemann Troja fand und Howard Carter Tut Ench Amun und wie mutige Ausgräber die alten Städten der Bibel wiederfanden, Städte wie Babylon, Ninive, Assur. Ich las von der vergangenen Pracht der Paläste, ihrer blauen, gelben, grünen Kacheln, einer andersartigen, kalten Farbwelt. Es war faszinierend. Und ich schwor mir, wenn ich groß bin, wollte ich mir das alles, alles live ansehen.

Ich habe Archäologie im Nebenfach studiert, sogar bei Ausgrabungen in Israel mitgemacht und war immer wieder in Museen von Kairo bis New York, die Wunder der alten Welt zu bestaunen. Nur ein Wunsch ist mir verwehrt – die Ausgrabungen zwischen Euphrat und Tigris zu besuchen. Kein Babylon, kein Ur, kein Uruk oder Assur für mich. Und die Chancen stehen schlecht, dass ich das jemals zu sehen bekomme – vor allem stellt sich nun immer mehr die Frage, ob es bald überhaupt noch etwas zu sehen geben wird dort. Denn Länder wie Irak und Iran versinken in einer neuen Barbarei. Die alten Kunstwerke, die im Boden die Jahrtausende überdauert haben, werden aufs neue zerstört durch die Hand der Isis-Barbaren, die darin eine Beleidigung ihres Propheten sehen. Ich sehe das als Beleidigung des Propheten, weil der bestimmt nicht so blöd war wie seine Anhänger es jetzt sind.

Pergamon_Museum_Berlin_2007112Wer noch einmal die “Beutekunst” in Frage stellt, dem werde ich jetzt nur noch den Vogel zeigen, denn jedes Stück in einem westlichen Museum garantiert den Erhalt der Stücke, jedes Kunstwerk, das im Land verbleibt, stellt ein unkalkulierbares Risiko für die Kunst da. Ohne das Pergamon-Museum in Berlin wäre das Ishtartor vermutlich nur noch ein Haufen Scherben. Was tun, wenn Mullahs plötzlich in Ägypten auf die Idee kommen, das Museum in Kairo anzuzünden und die altägyptischen Artefakte einzuschmelzen? Die Idee ist nicht völlig abwegig.

Die Vollidioten wollen die Welt in einen neues, finsteres Mittelalter holen, von den abscheulichen Greueltaten Menschen gegenüber braucht man nicht zu sprechen, die sind so bodenlos, aber mich macht der Verlust unsers gemeinsamen Erbes fast ebenso sprachlos. Wir waren doch schon so viel weiter, so viel besser. Noch ruhen unzählige Schätze dort in der Erde, die gesamte Stadt von Uruk ist nicht ausgegraben. Hoffen wir, dass das auch so schnell nicht passiert und die Schätze ruhen dürfen, bis wieder hellere Zeiten anbrechen im Zweistromland. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, weil ich glaube, dass die Menschen, die einmal das Licht der Aufklärung gesehen haben, sich nicht ewig im Dunkel halten werden.

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Ich fahre mal wieder auf die CeBIT

Früher war die CeBIT eine Pflichtveranstaltung, die echt jeder aus der Branche mitmachen musste. Und wollte. Es gab gigantische Stände, irre Messeparties, da war die ganz große Kohle am Start. Heerscharen von Menschen strömten durch die Hallen, nur um Goodies abzugreifen.Ich erinnere mich noch an die Messeparty eines chinesischen Herstellers mit Buffet. Die Mitarbeiter aus dem Reich der Mitte waren weder mit dem hiesigen Essen noch mit dem Konzept Buffet vertraut und luden sich wahllos Dinge auf ihre Teller, zum Schluss landete dann immer die Vanillesauce vom Dessert über dem Schweinebraten oder die rote Grütze verfeinerte den Leberkäse. Ich habe viel gelacht an dem Abend. Dieses Jahr ist China Partnerland, ich hoffe, mittterweile haben sies drauf mit dem Essen. (Aber sie haben es definitiv drauf mit den Goodies, die haben immer tollen Kitsch am Start)

Wenn man früher am Abend durch die Hallen ging, kam man von einer Party zur nächsten, teilweise mit prominenten Unterhltungskünstlern am Start, wichtigen Branchengesichtern unter den Besuchern und vielen Politiern am Buffet. Und was gab es nicht für Innovationen zu bestaunen: das erste Schnurlostelefon für daheim für schlappe 1700 Mark, den ersten Laptop mit nur 9 Kilo oder Disks, auf denen gigantische 50 MB Arbeitsspeicher drauf waren. Irre!

Das ist mittlerweile anders, die Messe ist immer noch wichtig, aber kein Pflichtprogramm mehr. Und gigantomanisch ist sie mittlerweile auch nicht mehr. Das sind Events wie die CES in Las Vegas oder die Veranstaltungen von Herstellern Apple selbst, die ihre Produktinovationen wie eine Messe auf dem Petersplatz inszenieren, ein quasireligiöses Erlebnis vor Jüngern und Gläubigern. Auf der CeBIT herrscht halt Realität: Lösungen für den Mittelstand, Digitaler Wandel, Cloudservices. Das ist wichtig, aber eben nicht so sexy wie einst die Produktnews von Apple oder Samsung live und zum ersten Mal zu sehen. Und wenn man genau hinguckt, findet sich durchaus noch einiges an spannenden Innovationen: In der Halle 9 ist alles “Research und Innovation” gewidmet. Mit “Turnmatten mit IQ” und ähnlichem. Ich werde dieses Jahr trotzdem mal wieder für einen Tag hinfahren, denn ich arbeite für Kunden wie die Telekom, da sollte ich schon schauen, was die so treiben auf der Messe. Die Telekom ruft das “Wirtschaftswunder 4.0″ aus, zeigt alles, was die schöne neue digitale Welt bringen soll, von vernetzten Fabriken bis zum Supermarkt der Zukunft (der drüben, jenseits der holländischen Grenze, schon Realität ist, dort scannt der Kunde selbst). Die Zukunft war früher auch besser, im Jahr 1972 hatte das ZDF kühne Vorstellungen von unserer technisierten Zukunft, im Beitrag Richtung 2000 zeigte man eine hoch technisierte Zukunft mit nur noch 25 Arbeitsstunden, happy Pills und einem erstaunlich richtigen Kommunikationsverhalten

 

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Klar, es ist nur der Neid….

So, ich weiß, ich habe lange nicht mehr in meinem Blog gepostet. Hatte viele Gründe. Vor allem private. Ich habe wieder einen neuen Job, bei Palmer Hargreaves in Köln. Der macht mir viel Spaß, kostet mich aber durch das Pendeln auch viel Zeit. Und da bin ich abends einfach oft froh, mir eine harmlose Sendung wie den „Bachelor“ ins Gehirn zu dübeln oder mich mit Freunden zu treffen – aber nicht noch schreiben.

Manchmal muss es allerdings sein. Wie jetzt, nachdem ich den Kommentar von Sibylle Berg gelesen hatte. Sie erklärt, dass es die niedrigste Stufe des TV-Ruhms darstellt, wenn man sich auszieht und damit Geld verdient. Der Kommentar ist okay, aber was mich echt sauer macht, sind die Kommentare darunter. Sie sei ja nur neidisch, keifen die Leute. „auf die knackige Jugend“ der Damen, die da so bereitwillig ihr getuntes Fleisch zu Markte tragen.

Hallo? Wieso soll eine erfolgreiche Schriftstellerin, eine anerkannte Geistesgröße der deutschen Literatur, neidisch auf solche Hühner sein? Weil sie nicht mehr 20 ist? Ja und? Was ist denn das für ein Frauenbild, das glaubt, eine Frau dürfe allein deswegen andere Frauen nicht kritisieren, weil sie älter ist als diese udn damit nicht mehr optisch so leistungsfähig? Geht es eigentlich noch? Abgesehen davon, dass Sibylle Berg sehr attraktiv ist, was ist das denn für eine Weltsicht, dass alles, was eine Frau zu sein hat, schön ist, und wenn sie nicht mehr schön genug ist für den Playboy, dann hat sie zu schweigen, und darf nicht jeden Ausbund an jugendlicher Dummheit benennen, weil das ist ja garantiert “Neid“. Wie mich das anwidert. Dieses Altherrengesabber, dass wir „alten Weiber“ den „feschen jungen Dingern“ den Ruhm nicht gönnen.

Ja, es ist durchaus nicht dumm, zu versuchen, mit dem wenigen Bisschen, dass die Natur einem mitgegeben hat, das Maximale rauszuholen und das ist Geld und Präsenz in den Medien. Wenn eine Frau das machen möchte, bitte. Aber es muss auch erlaubt sein, diese Medien dafür zu kritisieren, dass so wahnsinnig wenig reicht, ein bisschen Haut und ein bisschen Silikon und ein bisschen besoffenes Aufgedrehe in einem Castingformat, dass man es schafft zu Prominenz. Und das anzumerken, hat nix mit Neid zu tun…

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Massenvertreibung in Tansania für elitäres Jagdvergnügen?

Massais in der Savanne - bald wird hier die Königsfamilie von Dubai Elefanten abschiessen Foto:Avaaz

Massais in der Savanne – bald wird hier die Königsfamilie von Dubai Elefanten abschiessen Foto:Avaaz

Tansania ist wunderschön. Die Serengeti-Wüste voller wilder Tiere lädt zu Safaris ein, der Kilimandscharo steht mit seinem Schneegipfel in der Sonne, Massais in farbenprächtigen Kleidern durchwandern die Savanne, die Gewürzinsel Sansibar lockt mit ihren Wundern. Das zeigen auch die Bilder der Tourismuswebseite - doch während die Touristen mit ihren Kameras auf die Tiere draufhalten, hat das Königshaus von Dubai ganz andere Pläne. Sie wollen ein 1.500 Quadratkilometer großes Areal (direkt neben dem Serengeti Nationalpark) kaufen als privates Jagdrevier zum Abschiessen der Elefanten, Giraffen, Löwen und anderer Tiere, die eigentlich gefährdet sind – und für dieses lustige Hobby sollen zudem die 40.000 Massai, die in dem Gebiet wohnen, verschwinden. Nicht, dass einer da versehentlich in die Schussbahn läuft. Bis zum Ende des Jahres sollen die Massai ihre Heimat verlassen. Abgefunden werden sie nicht mit Geld, sondern dem Versprechen, Geld in soziale Projekte für sie zu investieren. Was man a) nicht müßte, wenn man ihnen nicht ihr Land wegnähme und b) in Afrika heißt, dass die Massai absolut nichts bekommen.

Die Regierung von Tansania leugnet, dass das Projekt wieder aufgenommen wurde. Denn als die Pläne bekannt wurden, hat avaaz.org 2,3 Millionen Unterschriften gegen das privat Jagdrevier gesammelt und öffentlich gab es einen Rückzieher – während hintenrum die Verhandlungen mit der Königsfamilie von Dubai emsig weitergingen. Jetzt ist die öffentliche Empörung vorbei und der Verkauf geht still und leise über die Bühne. Wir dürfen einen derartigen Ausverkauf von Kultur und Natur nicht zulassen – da muss wirklich international Druck aufgebaut werden!

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Meine Art der Diät – bisher klappt es

crespelle

Wenn schon nur einmal am Tag, dann was Gutes: Crespelle mit Spinat-Ricotta-Füllung

Ja, es wird viele geben, die jetzt gleich losmöppern “das kann doch nicht gesund sein”, “das funktioniert doch nie” – ich kann nur für mich sprechen und sagen: doch. Tut es. Entstanden ist das Ganze aus der Not heraus. Ich war viel unterwegs auf Messen, bei Parteitagen, etc – und hatte meist nur Zeit, einmal am Tag was zu essen. Meist so am frühen Nachmittag. Komischerweise hat mir das immer vollkommen gereicht. Ich hab dann angefangen, das auch hinterher auszuprobieren. Zum Frühstück gibt es eine große Schale Matcha mit Sojamilch und bis 15 Uhr nichts mehr. Dann eine Mahlzeit, bei der ich schon schaue, dass sie gesund ist, aber wenn ich Lust auf Pizza habe, dann ist diese Mahlzeit eben eine Pizza. Und danach ist Schluss. Sense. Finito. Gibt nix mehr außer Früchte-Tee am Abend. Und ich habe tatsächlich keinen Hunger mehr, es fehlt mir nix. Ich esse also echt was ich will und nehm ab dabei. An Tagen, wo ich zum Essen eingeladen bin, warte ich bis Abends, aber das fällt mir so richtig schwer, das geht kaum. Da hab ich dann richtig Hunger.

Für mich ist diese zeitliche Begrenzung trotzdem viel einfacher zu handhaben als Kalorien zu zählen oder Nahrungsmittel einzuschränken. Und wenn ich anfangen würde, nur einen Apfel und ein Magerjoghurt als Mahlzeit zu bezeichnen, würde ich mir Sorgen machen. Aber ich ess ja normal und nehm so etwa ein – zwei Kilo in der Woche dabei ab. Was absolut okay ist. Ich weiß nicht, ob die Methode für jeden was ist, mir hilft sie gewaltig. Vor allem, weil die Beschäftigung mit Essen einfach weg fällt. Weil die sehr schlaue Erzählmirnix einfach recht hat: Zuviel Essen hat mich dick gemacht. Und da nutzt es nix, hier mal ein Häppchen, da ein Häppchen, weil zumindest ich die Kalorienzahl all dieser Häppchen sehr unterschätze. Und ich esse gerne und hab manchmal Appetit auf bestimmte Dinge. Wenn man mir verbietet, auf was ich wirklich Lust habe, kommt Frust auf. Aber auch diese Klippe wird mit meiner Methode umschifft. Eine Brigitte-Diät mit einem Scheibchen hiervon und einem Löffelchen davon ist nix für mich, das dauernde vorbereiten nervt mich, bei Saftdiäten geh ich nach drei Tagen die Wände hoch. Also – nur einmal am Tag. Bis jetzt halte ich das drei Wochen durch und es fällt mir leicht.

Welche Erfahrungen habt ihr so mit Diäten gemacht?

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Böse Pickup Tricks

Es ist ein Trick der Pickup-Artists. Sie suchen die tollste Frau im Raum, gehen zu der hin und sagen Verächtliches über ihr Aussehen. Warum? Um sie erst zu verunsichern, um sie dann hinterher wieder aufbauen und dann abschleppen zu können. Ist etwas vereinfacht, klar, aber ich will hier auch keine fiesen Maschen propagieren. Weil: der Scheiss funktioniert. Erst runtergemacht und dann wieder aufgesammelt werden vom gleichen Ekel, das sich plötzlich als Ritter auf dem weißen Pferd entpuppt. Da geht Frau doch dankbar mit.

Wer sich fragt, wie so was sein kann. Das ist leider einfach. Wir Frauen werden immer über unser Aussehen beurteilt, wer eine Frau beleidigen will, nennt sie immer fett, hässlich oder unerotisch. Wir sind immer unsicher. sind wir schön genug, dünn genug, sexy genug? Und gerade die schönsten Frauen, die wissen, was ihr Aussehen alles erreichen kann, sind mitunter die Unsichersten. Weil die größte Stärke auch immer die größte Schwäche ist. Deswegen bringt die Komplimentgewohnten eine abwertende Bemerkung völlig aus dem Konzept. Und sie landen prompt in den Armen des Pickup-Artists, der mit ihren schlimmsten Ängsten spielt.

Jetzt wird ein großer Aufstand um Pickup-Artist Julian Blanc gemacht, der auch schon mal härter zulangt, um seinen Flirt von seinem “Alphamännchenstatus” zu überzeugen. Und aus seinen Weisheiten in zynisches, bösartiges Geschäftsmodell entwickelt hat, das mit Liebe ungefähr so viel zu tun hat wie Sauron mit dem Verkauf von Gummibärchen. Die Aufregung ist gerechtfertigt und geht doch am Kern der Sache vorbei. Denn klar ist der Typ mies, aber noch mieser ist eine Welt, die Frauen dazu bringt, ihr Selbstvertrauen (fast) allein auf die Optik zu legen. Oder die nach einem Alphamännchen suchen, dass ihnen die Welt erklärt. Die “Mein Job, mein Haus, mein Auto” Männer dürfen sich gerne mit den “Meine Brüste, meine Nägel, mein Haar” Frauen treffen. Wie wäre es aber mal zur Abwechslung, die Betonung auf Hirn, Charme, Freundlichkeit und Humor zu legen? Das ist alles echt sexy. Das gilt übrigens auch für Männer.

 

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Ihr seid nicht allein – an Angehörige von Demenzpatienten

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Mein Lieblingsbild von mir und meinen Eltern aus längst vergangenen, glücklichen Zeiten.

Ich habe mich lang mit einer Freundin unterhalten, deren Mutter – wie die meine – an Demenz/Alzheimer erkrankt ist. Ich will deswegen meine Erfahrungen und meine Gedanken dazu aufschreiben, damit alle wissen, es geht vielen so. Ihr seid nicht allein mit diesem Problem. Ich hab mich mit vielen Menchen unterhalten und deren Erfahrungen sind sehr ähnlich. Denn ich bin jetzt in einem Alter, in dem die Eltern schon mal krank werden können oder gar sterben – und dennoch trifft es einen unerwartet. So wie die Demenzerkrankung meiner Mutter vor einigen Jahren. Habe ich je damit gerechnet, das könnte auch unsere Familie treffen? Ich muss gestehen: nein. Ich hab nie darüber nachgedacht. Demenz? Alzheimer? Das erschien mir so weit weg, so unreal. Das war etwas, was Leute mit 90 bekommen, irgendwo, aber doch nicht hier. Das passt irgendwie nicht ins Weltbild.

Niemand ist auf Alzheimer oder Demenz vorbereitet

Doch plötzlich war alles anders. Erst kaufte meine Mutter bei jedem Einkauf den gleichen Artikel, meine Mutter vergass die Uhrzeit, das Mittagessen war um 10 Uhr fertig und am Sonntag wollte sie einkaufen gehen (für alle, die das nicht verwunderlich finden, meine Eltern leben in Bayern), dann vergass sie Rechnungen, Kochrezepte, kochte nur noch Hühnersuppe oder Bratwürstl, dann irgendwann gar nicht mehr. Die einst so ordentliche Wohnung verschlampte. Meine Mutter türmte bizarre “Kunstwerke” auf Zeitschriften, Waschlappen, dazwischen ihr Schmuck und Kleidung , im Bemühen “aufzuräumen”. Sie wurde immer verwirrter, immer aggressiver, war immer weiter weg. Ob sie sich je eingestanden hat, dass sie dement ist? Ich weiß es nicht, vermute es aber, denn zum Arztbesuch haben wir sie lange nicht bewegen können. Mein Vater war da keine Hilfe, der war mit der Situation völlig überfordert. Wie wir alle. Man kann ja seine schreiende Mutter nicht fesseln und knebeln und beim Arzt abgeben, sowas geht nicht. Leider. So mussten wir lange ohne Diagnose mit dem allzu offensichtlichen leben. Meine Mutter hatte einen Weglauftrieb, lief kilometerweit, in sengender Hitze und klirrender Kälte, egal, nur raus, weg, sie empfand den zunehmend genervten Ton meines Vaters als bedrohlich. Heim fand sie immer, nur manchmal brachte sie die Polizei heim, wenn sie Fabelgeschichten von häuslicher Gewalt erfand und mitfühlende Passanten dann die Ordnungshüter riefen. Irgendwann kannten die Beamten dann die Misere, rieten meinen Vater aber auch, sich doch endlich helfen zu lassen. Ergebnis? Keines.

Wieso pflegst du nicht? – Das schlechte Gewissen ist immer da

Ich habe mich mit meinem Vater gestritten, der die Situation durch großzügiges Ignorieren lösen wollte, auch schon als Ignorieren kaum noch möglich war. Es kam auch immer öfter aus dem Freundes- und Familienkreis die Frage: Katrin, wieso pflegst du nicht? Erstens, weil ich das nicht gewollt habe, ich hätte mich täglich mit meinen Eltern gestritten, die sich beide auf ihre sture Art nicht hätten helfen lassen. Ich bin selbst nicht die Geduldigste und nicht gut in solchen Sachen. Ich bin meiner Tante unendlich dankbar, dass sie tatkräftig mithalf und meinen Vater nach Kräften unterstützte. Danke auch an meinen Bruder und meine tolle Schwägerin, die das Haus ausräumten, als ich nichts mehr konnte außer heulen und depressiv sein. Der Gedanke, hätte man in einem frühen Stadium die Krankheit aufhalten können, wenn man sie nur früh genug einen Arzt hinzugezogen hätte, war immer da und verursachte mir ein schlechtes Gewissen. Heute weiß ich: nein, da wäre beim heutigen Stand der Medizin nichts zu retten gewesen. Aber damals hat mich das schier kirre gemacht.

Erst die Krankheit und der viel zu frühe Tod meines Vaters, auch Ursache des zu langen Abwartens mit der eigenen Herzerkrankung und der seelischen Erschöpfung, änderte etwas. Meine Mutter kam ins Heim. Mittlerweile ist sie dort seit drei Jahren, kennt mich nicht mehr, reagiert nicht mehr, spricht keine zusammenhängenden Sätze mehr, kann ihre Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren. Und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich noch weiter wegezogen bin, weil ich vielleicht viermal im Jahr besuche. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mit meiner Mutter nicht alles besprochen habe, was zu besprechen war. Weil wir kein sonderlich gutes Verhältnis hatten manchmal. Weil ich nicht früher auf Behandlung insistiert habe. Jetzt warte ich nur noch – auf was?

Nachtrag: das ist mittlerweile drei Jahre her und ich bin drüber weg. Aber das war damals eine furchtbare Lebenskrise, die ihre Spuren hinterlassen hat.

Wie sind eure Erfahrungen so? Habt ihr damit schon Erfahrungen machen müssen?

 

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