Datenschutz – Ziel ist der gläserne Konsument

„Wegen mir kann der Staat ruhig überwachen, ich habe nichts zu verbergen“, höre ich oft, wenn es um Datenschutz im Netz geht. „Ihr seid doch paranoid und hysterisch – wer will denn was mit meinen Daten anfangen?“ Viele Menschen glauben, dass, wenn sie keine kriminellen Machenschaften planen, der Datenschutz für sie keine Relevanz hat. Das Gegenteil ist der Fall. Es stimmt, der Verfassungsschutz ist vermutlich wenig daran interessiert, welchen Lippenstift man gerade gekauft hat, wann man wo arbeitet, welchen Urlaub man mit wem verbringt, welche Partei man wählt und welche Automarke man bevorzugt. Ob ich Dschungelcamp sehe oder Bericht aus Berlin, ob ich mir Marken leisten kann oder  meine Aldieinkäufe mit Jutebeuteln herumschleppe.

Aber die Wirtschaft liebt sie, ihre gläsernen Konsumenten. Umfragen werden unnötig, es lässt sich ja problemlos sehen, was geliket wird und was nicht. Und das eigene Verbraucherprofil wird so detailliert, wie ein delirierender Marketingmensch sich  das nur erträumen kann. Anhand von Twitter, Xing, Facebook, Foursquare, Onlineforen, der Teilnahme an Online-Gewinnspielen in Kombination mit Online-Einkäufen, Kreditkartendaten und Handy lassen sich fast lückenlose Konsumenten-Dateien erstellen und danach wird “passend” geliefert. Eine junge Frau bekam Proben für Babyausstattung ins Haus, bevor sie ihren entsetzten  Eltern die Schwangerschaft beichten konnte, Scheidungswillige bekommen Angebote von Anwälten. Auch die Schufa sammelt diese Dateien und setzt sie in Korrelation. Es kann durchaus sein, dass höhere Kreditzinsen beim Hausbau anfallen, wenn jemand ein netzbekannter „Big Spender“ ist. Denn nur ein solider Sparer garantiert eine solide Rückzahlung. Für mehr Risiko muss eben mehr gezahlt werden. Finanzamt und Sozialbehörden schnüffeln sich auch gerne durch die Kontodaten – erfahren tut der Kontoinhaber nichts vom uneingeladenen Besuch .

Augen auf auch beim Bewerben. Das Netz vergisst nicht und wenn dort gefundenen Daten nicht mit Xing-Profil und dieses nicht mit dem Lebenslauf übereinstimmen, dann ist es Essig mit dem Traumjob. So gut wie jeder Arbeitgeber gibt den Namen eines Bewerbers auf Google ein und schaut, was da so kommt – und da sind die berüchtigten Partybilder das geringste Übel. Favstar zeigt zum Beispiel beliebteste Tweets einer Person an, auch wenn man selbst sich nie bei Favstar angemeldet hat. Gesammelt wird trotzdem – und dieses Sammelsurium ist, wenn man mit Klarnamen twittert, auf Google prominent sichtbar.

Manche Facebook Apps fragen mittlerweile im Kleingedruckten ab, ob sie auch auf private Nachrichten zugreifen können, für noch mehr „Insights“  – auch bei Whatsapp kann dank Datenlücke jeder die privatesten Mails mitlesen. Da kommt bestimmt Freude auf, wenn der Ehemann die Mails an die beste Freundin mitliest, in der man von seiner Ehekrise erzählt…

Mittlerweile ist auch die Gesichtserkennung so weit, dass sie problemlos Gesichter aus den verschiedensten Winkeln sicher identifiziert. Diese Daten vervollständigen das eh schon sehr komplette Profil. Noch ist es Zukunftsmusik (in Amerika leider nicht), dass diese Gesichtsdaten mit denen aus öffentlichen Überwachungskameras abgeglichen werden – willkommen zur lückenlosen Überwachung. Und bald funken auch die Kleider – denn derzeit wird in Kleidung zum Tracken beim Transport ins Geschäft ein Sendehologramm mit eingearbeitet, das es erlaubt, gekaufte Waren zu identifizieren. Es ist mittlerweile von Bekleidungsketten ein Scanner angedacht, der bereits gekaufte Waren beim Eintritt ins Geschäft wiedererkennt und gleich passende Angebote vorschlägt.

Kritisch zu sehen ist auch die Tendenz, Daten zu bündeln: die Gesundheitskarte, der elektronische Personalausweis, da laufen viele extrem sensible Daten zusammen, da wird zusammengefügt, was eigentlich nicht zusammengeführt werden soll – die Gefahr des Mißbrauchs ist zu groß.

Soll man sich deswegen bei den sozialen Netzwerken abmelden? Nur noch mit Bargeld zahlen? Keine Payback-Karten verwenden? Kein Handy benutzen? Nie mit Klarnamen twittern und keine Fotos online stellen? Wer wirklich keinerlei Spuren hinterlassen möchte, ja, dann ist das unumgänglich. Alle anderen müssen akzeptieren, dass jede Bewegung im Netz Spuren hinterlässt oder jeder elektronische Zahlungsvorgang über Kaufgewohnheiten informiert. Jeder muss sich überlegen, was ihm das wert ist. Daten sind ein wertvolles Gut und die Währung der kostenlosen Netzwerke. Facebook ist ein Walled Garden, wer dort hineingeht, akzeptiert die Hausordnung. Und die ist nicht ohne. Also lieber weniger Apps zulassen, bei Gewinnspielen nicht mitmachen, das Kleingedruckte lesen, auch wenn es lästig ist, schauen, auf was zugegriffen werden darf. Und solche Sachen wie Payback-Karten lieber sein lassen. Sonst ist man am Ende der Doofe, der seine Rabatte mit einem teuren Kredit bezahlen muss.

Am 28. Januar ist nun wieder Tag des Datenschutzes, der Tag, der zur Sensibilisierung da ist und dazu, daran zu denken, dass die eigenen Daten durchaus was wert sind und es immer wen gibt, der sich dafür interessiert.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft, Konsum, Medien, Piraten, Politik

5 Antworten zu “Datenschutz – Ziel ist der gläserne Konsument

  1. Reblogged this on SAFE-ADDRESS und kommentierte:
    Einen Beitrag zum Thema Gläserner Konsument vom Hobbyweltvebesserer-Blog empfehle ich hiermit zum Lesen.

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  2. Hallo Katrin und TmoWizard,

    ich möchte der gefühlten fehlenden Beachtung des Themas “gläserne Konsument” durch die Öffentlichkeit einige Argumente entgegensetzen.

    Die Vorgänge rund um das Meldewesen haben große Beachtung gefunden und für das Thema sensibilisiert.

    Die Ankündigung von O2 zur Auswertung der Bewegungsprofile hat ebenfalls erhebliche Beachtung gefunden.

    Das Ringen um die europäische Datenschutzverordnung sorgt für Öffentlichkeit.

    Wahrscheinlich kennt Ihr auch den Film Datadealer eines Startups aus Wien, der das Thema aufgreift und ein breites Echo in den medien gefunden hat.

    Instagram hat die Sensibiliät der Nutzer bei den geplanten AGB Änderungen gespürt.

    Sicher es könnte noch viel mehr sein, aber es gibt offenbar Möglichkeiten, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Natürlich ist es nicht einfach und die oben genannten Themen waren eventuell “nur” Strohfeuer. Aber sie zeigen es ist genug Energie da.

    Zu deinem Artikel Katrin möchte ich noch ergänzen, dass aus meiner Sicht die bereits vorhandenen Daten und die darum entstandenen Unternehmen in der Offlinewelt zumindest genauso kritisch zu betrachten sind wie die Onlinedatensammler. Payback ist da eher eine Spitze des Eisbergs. Interssant ist, das dort quasi jeder mit Adresse und Hausnummer verzeichnet ist, unabhängig davon, ob er sich im Internet bewegt oder nicht. Wir haben dazu schon einige Artikel im Blog geschrieben.

    Danke für Deinen guten Artikel zum Thema, ich habe daraus auch Anregungen für mich entnehmen können.

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  3. Hallo Katrin!

    Leider ist das ein Thema, daß die breite Öffentlichkeit nicht wirklich zu interessieren scheint. Du darfst nie außer Acht lassen, daß in den öffentlichen Medien darüber kaum berichtet wird! So lange dort nichts steht, muß ja wohl alles in Ordnung sein. Zumindest sieht so der größte Teil der Wähler das, wie ich unschwer in meinem eigenen Bekanntenkreis erkennen kann.

    Blogs wie deiner oder auch mein Castle sind für solche Leute nicht relevant, wir sind doch eh nur alle Verschwörungstheoretiker! Durch dieses Verhalten fällt es mir auch immer schwerer, daß ich darüber schreibe, es interessiert ja doch kaum jemanden. :-(

    Ich werde zwar trotzdem weiter darüber berichten, aber das Schreiben darüber macht mir irgendwie nicht mehr so viel Spaß wie früher. Zu solchen Artikeln gibt es einfach kaum eine Reaktion, da zu viele Leute lieber den etablierten Medien und den Politikern glauben wie einem einfachen Blogger!

    Viele Grüße nun aus TmoWizard’s Castle zu Augsburg

    Mike, TmoWizard

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    • katrinhilger

      Danke für den Kommentar, ja, schade, das ist wirklich nicht so das Thema. Aber ich bin trotzdem kein Verschwörungstheoretiker, sondern schildere nur die Fakten.

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      • Mahlzeit!

        Aber ich bin trotzdem kein Verschwörungstheoretiker, sondern schildere nur die Fakten.

        Das mache ich ebenso und verlinke in meinen Artikeln sozusagen als Beweis eben auf entsprechende Meldungen in den etablierten Medien, nützt aber auch nichts. Ich habe schon einige Artikel auch zum Thema Überwachung im Allgemeinen geschrieben und die entsprechenden Möglichkeiten dazu erklärt, aber genau solche Artikel haben auf meinem Blog die wenigsten Besucher und auch fast keine Kommentare.

        Vieles liegt natürlich auch daran, daß ein privates Blog eher selten an die Reichweite eines Online-Magazins heran kommt. Ich habe zwar jetzt im Schnitt so ca. 650 – 700 Besucher am Tag, aber was ist das schon im Vergleich mit z. B. “ZEIT online” oder ähnlichem? Wenn man sich keine Werbung für das Blog leisten kann, dann gibt es dafür nur die Möglichkeit über andere Blogs, Foren oder so.

        Das sind so die Probleme, die ich als Blogger sehe. Eine Besserung ist leider nicht in Sicht, da sich viele Blogger leider als eine Art “Einzelkämpfer” betrachten.

        Viele bloggende Grüße nun TmoWizard’s Castle zu Augsburg

        Mike, TmoWizard

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