Monatsarchiv: Januar 2013

“Wir Frauen sind so” – Nein, sind wir nicht

Je nachdem, in welcher Filterblase man lebt, ist das Thema Sexismus und #aufschrei entweder übermächtig oder nur ein Thema von vielen, das durch die Talkshows getrieben wird. Manche Frauen sprechen von nix anderem mehr, andere tun es mit einem Schulterzucken ab. Das ist okay so, und das sollten auch die bedenken, die sich in Talkshows herausnehmen, im Namen aller Frauen zu sprechen. Das halte ich für ein Unding, denn es gibt bei allen Frauen grundverschiedene Auffassungen davon, wie ein Mann mit einer Frau umzugehen hat, wie das Machtverhältnis tatsächlich verteilt ist, wie definiert wird, was okay ist und was nicht.

Allein der Blick ins Fernsehprogramm gestern beweist – da ist noch viel, was zu debattieren und definieren ist. Der Fernsehabend in RTL startet mit Bohlen, da werden Männer und Frauen gleichermassen fertiggemacht, dann geht es weiter mit dem Bachelor. Ein Mann, umbuhlt von diversen Frauen, die alle versuchen, ihn für sich einzunehmen. Hier ist die Geschlechterwelt noch in Ordung. Oder? Naja, nicht ganz. Geht man einen Schritt weiter, dann ist die Motivation der Frauen, bei dieser Sendung teilzunehmen, weniger die Hoffnung auf den Traummann, sondern viel mehr die verwertbare mediale Aufmerksamkeit, die damit einhergeht. Die Frauen präsentieren sich schön, sexy, willig – und hoffen, das Fernsehpublikum honoriert das und macht aus ihnen kleinere bis größere Medienstars, Moderatorinnen, Soapdarstellerinnen, professionelle Partybesuchererinnen mit Abo auf den roten Teppichen dieser Republik. Der eigentlich ganz nette Kerl, den es auch noch zu gewinnen gibt, ist bestenfalls das Sahnehäubchen. Ich glaube nicht, dass sich eine Frau davon von der #aufschrei-Bewegung vertreten fühlt. Die versuchen, dank Aussehen und dem Ausspielen weiblicher Reize Aufmerksamkeit zu erzielen – beim Bachelor und vor allem beim Zuschauer. Die (und alle anderen, denen diese Frauen als Rollenmodell dienen) würden sich schön bedanken, wenn kein Mann sie mehr ansähe. Das kann man gut oder schlecht finden, ich sehs mal wertfrei, auch wenn es nicht mein Weg ist.

Im krassen Gegenteil dann dazu die Initiatorinnen der #aufschrei-Bewegung bei sternTV. Die versteigen sich sogar soweit, dass Sexismus nur von Mann zu Frau möglich sei, weil die Machtverhältnisse unserer Gesellschaft den Mann über die Frau stellen. Grundsätzlich. Das finde ich falsch. (Ich möchte bei meinem Beitrag zur Debatte noch einmal ganz klar jeden sexuellen verbalen oder tätlichen Übergriff ausnehmen, oder Fälle, in denen Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt werden. Das ist indiskutabel, darum geht es mir nicht.) Aber mir geht es um diese unendlich komplizierte Grauzone der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die mit Online-Dating, Casual-Sex-Webseiten, Swinger-Communities in einer übersexualisierten und unterfickten Gesellschaft nicht einfacher wird. Wann ist die Frau ein Objekt? Wann der Mann?

Denn im Rahmen der Beziehungsanbahnung ist es anders: Gerade bei der Beziehung zwischen Mann und Frau hat die Frau mehr Macht als der Mann, sie kann sich zurücklehnen und abwarten, ablehnen und gewähren, das kann ein Mann nicht so leicht. Der Mann ist meist der, der den ersten Schritt zu machen hat. Außer in so Sondersituationen wie Bachelor, was vielleicht auch ein Reiz dieser Sendung ist. Ich behaupte sogar, viel Grobheit der Männer entsteht aus diesem Ungleichgewicht der Macht, aus der Frustration darüber, dass der Mann meist derjenige zu sein hat, der den ersten Schritt tut, der die Körbe kassieren muss. Frau wählt aus – oder eben auch nicht.

Wir kommen wir da wieder raus? Ganz einfach: einfach mal wieder durchatmen. Die Dinge mit Abstand betrachten. Harmloses von Nichtharmlosen für sich selbst unterscheiden und jede Frau für sich selbst eine Grenze setzen lassen und nicht in ihrem Namen sprechen. Nicht  die eigene Befindlichkeit zum Maßstab nehmen. Ich möchte selbst die Wahl haben, ob ich etwas als Unverschämtheit empfinde oder als Kompliment.  Wie seht ihr das?

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katrinhilger:

Weil ichs für eine gute Sache halte…

Ursprünglich veröffentlicht auf alexander schnapper:

Die letzten Tage hab ich damit verbracht, Updates bei www.wearefrankfurt.com (@WeAreFFM) einzuspielen und über ein neues Konzept für RotationCuration nachzudenken. Jetzt hoffe ich, dass bei dem Aufruf sich weitere Leute melden, die sich vorstellen können, eine Woche lang unter “WeAreFFM” zu twittern und alle möglichen Dinge und Wissenswertes über Frankfurt zu tweeten.

Ich weiß, ich selber hab das Projekt auch etwas vernachlässigt, aber ich versuche es jetzt wieder aufzupeppeln. Daher auch ein Blogpost und Aufruf an dieser Stelle – macht mit und bewerbt euch. Die nächsten Tage und am Wochenende werde ich die Zeit nutzen, um dafür mehr Werbung zu generieren und mehr zu vernetzen.

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Ein #aufschrei auf Twitter

Zum Hashtag  #aufschrei heute ein paar Gedanken von mir. Jede Frau kennt die Situationen, in denen sie sich ärgert, eine Frau zu sein. Sie fühlt sich unwohl allein im Parkhaus,  auf dem Nachhauseweg, sie denkt drüber nach, was sie anzieht, damit sie nicht zu aufreizend daherkommt, sie kann nicht so problemlos herumreisen wie ein Mann das kann, weil in vielen Teilen der Welt eine Frau allein Freiwild ist.

In meinem Beruf – vor allem als Redakteurin früher – habe ich als Frau oft gute Miene zu einem ziemlich bösen Spiel gemacht. Sexistische Sprüche ertragen, selbst sexistisch Männern gegenüber geworden, weil ich mir nicht mehr zu helfen wusste. Ich hab erlebt, dass Frauen aufs Äußere reduziert werden und eigentlich nur dann akzeptiert sind, wenn sie in Männeraugen genehm sind.  Wie unfassbar abwertend über Frauen „Bei dem Kleid kann man ja nur mit deinen Titten sprechen“ gesprochen wurde – und wie viele Frauen das auch noch richtig toll finden. Karrieren wie die von Verona Pooth sind darauf aufgebaut, ein wandelnder Herrenwitz zu sein. Fürchterlich.

Das wurde auch bei Firmen aus dem TK-Bereich, bei denen ich arbeitete, nicht besser. Nicht so, dass es justiziabel war, aber der Sexismus war omnipräsent. Offen und peinlich auf der CeBIT: Männer, die auf der Messe die Messehostessen abgrabschen, Bodypainting organisieren „damit Mann mal geile Weiber am Stand hat“. Unterschwellig und umso fieser: Frauen bekamen die schlechteren Posten, wurden rausgehalten aus den Zirkeln, wo es interessant wurde, wurden bei ihrer gemeinsamen  Beschwerde über ein rosa Frauentelefon abgebügelt mit „Frauen wollen das so, die haben sonst Angst vor Technik.“ Ach ja? Naja…

Ich bin sehr dafür, dagegen laut aufzuschreien. Und nicht nur auf Twitter.

Wo ich allerdings ein Problem sehe, weil dieses Feld weit und kompliziert ist, ist Sexismus und Beziehungen. Weil es da keine klare Regel gibt. Ein attraktiver Mann kommt mit einer platten Anmache vielleicht ans Ziel, ein weniger gut aussehender wird als Belästiger empfunden. Aber beide haben die Chance zu einem Versuch verdient, sie können ja nicht wissen, was der Frau gefällt und was nicht. Weiteres Insistieren ist natürlich unangenehm und muss unterlassen werden. Weil: Nein heißt nicht ja. Nie und in keinem Stadium. Aber ist nicht eh schon das Verhältnis der Geschlechter zueinander ein Schwieriges? Müssen wir mit der Verteufelung harmloser Komplimente das Feld weiter verminen? Ich finde, es bedarf weiterer Überlegungen und viel mehr Fingerspitzengefühl, nicht alles über einen Kamm zu scheren. Und man sollte bei Flirtversuchen sehr vorsichtig mit dem Wort Sexismus sein. Können wir Frauen immer unterscheiden, ob das Verhalten oder eben nur der Typ nervig ist? Das müssen wir bedenken, denn flirten als Sexismus zu bezeichnen ist falsch. Das wertet zum einen die Beschwerden über wirklichen Sexismus ab und macht es zum anderen schwerer, sich unbefangen kennenzulernen. Und das möchte ich mir gerne erhalten.

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Datenschutz – Ziel ist der gläserne Konsument

„Wegen mir kann der Staat ruhig überwachen, ich habe nichts zu verbergen“, höre ich oft, wenn es um Datenschutz im Netz geht. „Ihr seid doch paranoid und hysterisch – wer will denn was mit meinen Daten anfangen?“ Viele Menschen glauben, dass, wenn sie keine kriminellen Machenschaften planen, der Datenschutz für sie keine Relevanz hat. Das Gegenteil ist der Fall. Es stimmt, der Verfassungsschutz ist vermutlich wenig daran interessiert, welchen Lippenstift man gerade gekauft hat, wann man wo arbeitet, welchen Urlaub man mit wem verbringt, welche Partei man wählt und welche Automarke man bevorzugt. Ob ich Dschungelcamp sehe oder Bericht aus Berlin, ob ich mir Marken leisten kann oder  meine Aldieinkäufe mit Jutebeuteln herumschleppe.

Aber die Wirtschaft liebt sie, ihre gläsernen Konsumenten. Umfragen werden unnötig, es lässt sich ja problemlos sehen, was geliket wird und was nicht. Und das eigene Verbraucherprofil wird so detailliert, wie ein delirierender Marketingmensch sich  das nur erträumen kann. Anhand von Twitter, Xing, Facebook, Foursquare, Onlineforen, der Teilnahme an Online-Gewinnspielen in Kombination mit Online-Einkäufen, Kreditkartendaten und Handy lassen sich fast lückenlose Konsumenten-Dateien erstellen und danach wird “passend” geliefert. Eine junge Frau bekam Proben für Babyausstattung ins Haus, bevor sie ihren entsetzten  Eltern die Schwangerschaft beichten konnte, Scheidungswillige bekommen Angebote von Anwälten. Auch die Schufa sammelt diese Dateien und setzt sie in Korrelation. Es kann durchaus sein, dass höhere Kreditzinsen beim Hausbau anfallen, wenn jemand ein netzbekannter „Big Spender“ ist. Denn nur ein solider Sparer garantiert eine solide Rückzahlung. Für mehr Risiko muss eben mehr gezahlt werden. Finanzamt und Sozialbehörden schnüffeln sich auch gerne durch die Kontodaten – erfahren tut der Kontoinhaber nichts vom uneingeladenen Besuch .

Augen auf auch beim Bewerben. Das Netz vergisst nicht und wenn dort gefundenen Daten nicht mit Xing-Profil und dieses nicht mit dem Lebenslauf übereinstimmen, dann ist es Essig mit dem Traumjob. So gut wie jeder Arbeitgeber gibt den Namen eines Bewerbers auf Google ein und schaut, was da so kommt – und da sind die berüchtigten Partybilder das geringste Übel. Favstar zeigt zum Beispiel beliebteste Tweets einer Person an, auch wenn man selbst sich nie bei Favstar angemeldet hat. Gesammelt wird trotzdem – und dieses Sammelsurium ist, wenn man mit Klarnamen twittert, auf Google prominent sichtbar.

Manche Facebook Apps fragen mittlerweile im Kleingedruckten ab, ob sie auch auf private Nachrichten zugreifen können, für noch mehr „Insights“  – auch bei Whatsapp kann dank Datenlücke jeder die privatesten Mails mitlesen. Da kommt bestimmt Freude auf, wenn der Ehemann die Mails an die beste Freundin mitliest, in der man von seiner Ehekrise erzählt…

Mittlerweile ist auch die Gesichtserkennung so weit, dass sie problemlos Gesichter aus den verschiedensten Winkeln sicher identifiziert. Diese Daten vervollständigen das eh schon sehr komplette Profil. Noch ist es Zukunftsmusik (in Amerika leider nicht), dass diese Gesichtsdaten mit denen aus öffentlichen Überwachungskameras abgeglichen werden – willkommen zur lückenlosen Überwachung. Und bald funken auch die Kleider – denn derzeit wird in Kleidung zum Tracken beim Transport ins Geschäft ein Sendehologramm mit eingearbeitet, das es erlaubt, gekaufte Waren zu identifizieren. Es ist mittlerweile von Bekleidungsketten ein Scanner angedacht, der bereits gekaufte Waren beim Eintritt ins Geschäft wiedererkennt und gleich passende Angebote vorschlägt.

Kritisch zu sehen ist auch die Tendenz, Daten zu bündeln: die Gesundheitskarte, der elektronische Personalausweis, da laufen viele extrem sensible Daten zusammen, da wird zusammengefügt, was eigentlich nicht zusammengeführt werden soll – die Gefahr des Mißbrauchs ist zu groß.

Soll man sich deswegen bei den sozialen Netzwerken abmelden? Nur noch mit Bargeld zahlen? Keine Payback-Karten verwenden? Kein Handy benutzen? Nie mit Klarnamen twittern und keine Fotos online stellen? Wer wirklich keinerlei Spuren hinterlassen möchte, ja, dann ist das unumgänglich. Alle anderen müssen akzeptieren, dass jede Bewegung im Netz Spuren hinterlässt oder jeder elektronische Zahlungsvorgang über Kaufgewohnheiten informiert. Jeder muss sich überlegen, was ihm das wert ist. Daten sind ein wertvolles Gut und die Währung der kostenlosen Netzwerke. Facebook ist ein Walled Garden, wer dort hineingeht, akzeptiert die Hausordnung. Und die ist nicht ohne. Also lieber weniger Apps zulassen, bei Gewinnspielen nicht mitmachen, das Kleingedruckte lesen, auch wenn es lästig ist, schauen, auf was zugegriffen werden darf. Und solche Sachen wie Payback-Karten lieber sein lassen. Sonst ist man am Ende der Doofe, der seine Rabatte mit einem teuren Kredit bezahlen muss.

Am 28. Januar ist nun wieder Tag des Datenschutzes, der Tag, der zur Sensibilisierung da ist und dazu, daran zu denken, dass die eigenen Daten durchaus was wert sind und es immer wen gibt, der sich dafür interessiert.

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