Monatsarchiv: September 2012

Radio killed the Musicstar

Wenn es ums Urheberrecht geht, geht es auch immer um die sinkenden Gewinne der Musikindustrie. Ja, es kann sein, dass durch Downloads der eine oder andere Euro nicht in den Taschen von Konzernen wie Universal, EMI, Sony BMG landet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, warum diese Industrie nicht mehr so blüht wie es mal der Fall war. Wahr ist vielmehr, dass die Musikkonzerne seit Anfang der 90er lieber auf Gewinnmaximierung setzten denn auf wirkliche Kunstförderung, die sich die Produzenten so gerne auf die Fahne schreiben.

Der Anfang vom “Ende” war nämlich das sogenannte Formatradio. „Format“ bedeutet, dass Radiosender seit Einführung des Privatradios im großen Maßstab darauf setzen mussten, Werbung zu verkaufen. Und die wird dann sehr gut verkauft, wenn die Zuhörer nicht umschalten. Amerikanische Studien hatten ergeben, dass Leute bei einem relativ gleichförmigen, ihnen schon gut bekannten Klangteppich ohne Irritationen als Hintergrundgeräusch weniger leicht umschalten. Ein Computer errechnet dann diesen Einheitsbrei und den spielt der Moderator nur noch ab, nix mehr mit selbst aussuchen. (deswegen spielen Radiosender von Gruppen wie Queen fast nur Another One bites the Dust, weil dieses Stück vom Stil und Rhythmus besser zu den modernen Stücken passt). Statt einem Musik-enthusiastischen DJ gab es nun Computeralgorhytmen, die die Musikauswahl berechneten, um das Radio so langweilig und damit als Hintergrundgeräusch so angenehm wie möglich zu machen. So entstand der allseits verhasste Dudelfunk, der nur wenige Newcomer pro Woche zulässt. Und nicht nur das: es werden keine ganzen Alben mehr gespielt, sondern ausschließlich ausgewählte Hitsingles der Künstler.

Die Musikindustrie war somit ihrer damals größten Werbeplattform beraubt. Sie reagierte prompt (wir schreiben Mitte bis Ende der 90er): Weniger Experimente, mehr Geld in aufwändige Musikvideos als Promotion stecken, statt aufwändig produzierte Alben lieber Schnellschüsse mit zwei, drei Hitsingles und dem Rest Füllmaterial. Nachwuchsförderung? Ein Künstler, dessen Album nach der 2. Singleauskopplung noch kein Hit war, wurde wieder rausgeschmissen. Und man begann, Formatradio-gerechte Gruppen & Stars in größerem Maßstab zu planen und zu erschaffen. Boygroups, Girlgroups, berechenbare Castingkandidaten waren das zombiegleiche Ergebnis.

Pro Platte nur ein, zwei drei Hits, das fiel sogar dem Massenpublikum auf – die schnellen Schrottalben verkauften sich nicht so gut wie ehedem aufwändig produzierte Konzeptalben. Doch statt an dieser Schraube zu drehen, was riskant und teuer gewesen wäre, hatten die Firmen eine bessere Idee: Mitte der 90er entstanden die Sampler im großen Stil (Kuschelrock, Best of 95); damals wurden übrigens sie als Untergang der Musikindustrie gewertet.

Als das Internet mit seinen Verbreitungsmöglichkeiten und Vermarktungskanälen zu greifen begann, waren die Musikgiganten denkbar schlecht aufgestellt: relativ wenig Nachwuchsbands, wenig gut produzierte Alben. Außerdem konnten sich die Labels Sony, BMG Ariola, EMI und Universal nicht auf eine gemeinsame Vermarktungsplattform geschweige denn ein gemeinsames Preismodell einigen. So gab es nie die eine große Plattform, weil jeder maximal viel vom Kuchen wollte. Am liebsten jeder ein eigenes Kodierungsformat für die mp3s und nur der Verkauf des eigenen Backkatalogs.

Aber das Internet war auch erstmal relativ egal, außer es als Buhmann zu nutzen, konnte keiner damit so richtig was anfangen. Man wurstelte vor sich hin, gab ja noch MTV. Und erst als dieser Ast auch noch weggebrochen war und Apple mit iTunes Riesengewinne machte, entdeckte die Musikwelt mit voller Wucht, dass vermutlich Milliarden nicht in ihre Tasche wandern. Der einzig Schuldige war schnell gefunden: Raubmordkopierer. Doch das Kopieren der Musik ist nur die logische Konsequenz aus 20 Jahren kurzsichtiger Firmenpolitik, die immer den schnellen Euro vor die Produktion von Qualität gesetzt hat. Die GEMA tut ein Übriges, dass der Geldteufel immer nur wieder auf den gleichen Haufen scheißt und wieder bleibt sowas wie Nachwuchsförderung auf der Strecke. Die jetztigen großen Acts wie Justin Bieber, Adele, etc sind übrigens aus dem Netz gefischte Youtube-Stars, die sich selbst promotet haben, bevor es die Firmen taten.

Derzeit sucht man sein Heil übrigens in Liveauftritten – promotete früher ein Künstler sein Album über eine Tournee, ist es nun genau umgekehrt – es werden Alben produziert, um wieder touren zu können. Dass bei den Konzerten die Besucher auch lieber die alten, bekannten Stücke hören wollen, schließt den Kreis zum Dudelfunk.

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